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wiki:1762_ansquer_jordan_varietes

Von dem Nutzen des Reisens

  • 1762 Ansquer, Théophile Ignace
    Von dem Nutzen des Reisens.
    Neuntes Hauptstück, S. 55–78 in:
    • Ansquer, Théophile Ignace
      Verschiedenes zum Lesen für die Liebhaber der guten Sitten und schönen Wissenschaften
      Aus dem Französischen [=Variétés philosophiques & littéraires, Paris 1763] von Simon Jordan. [16], 316 S. Augsburg und Leipzig 1768: verlegts Matthäus Rieger und Söhne. Online
      Häufig zitiert unter dem Namen des Übersetzers Simon Jordan.
      Zeitleiste der Reiseanleitungen des 18. Jahrhunderts

Neuntes Hauptstück

Von dem Nutzen des Reisens.

Eine Schwalbe auf ihren Reisen.
Wer viel sieht, und viel behält,
Reiset nützlich durch die Welt

1) Die sinnreiche Schutzschrift, von der ich diese Aufschrift geborget, giebt mir ein sehr schönes Zeugniß von dem nutzbaren Reisen. Wir wollen diese wichtige Sache, die einen wesentlichen Theil der Erziehung großer Männer in allen Gattungen ausmacht, entwickeln.

Mir ist nicht unbekannt, daß strenge Sittenlehrer mit starker Stimme wider das Reisen gesprochen 2)

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als wäre das Reisen ein Verderbniß der Sitten der Jugend: Allein, werden wir dann immer den Misbrauch, der auch von den besten und nützlichsten Dingen gemacht wird, mit der wesentlichen Güte derselben verwirren?

Daß Menschen, die mit bösen und verkehrten Neigungen gebohren werden, von einem Weltende zu dem andern gewanderet, und ihre bösen Herzen und garstigen Sitten in ihr Vaterland zurück gebracht haben, was läßt sich wider das Reisen schließen? Fliehet man dann sich selbst, wenn man auch über die Gränze der Welt fliehet?

Wir wollen über die kleine Steine hinüber schreiten, die dem Reisenden in dem Wege liegen könnten, um die wesentlichen Vortheile zu berühren.

Es wurde unnütz seyn, zur Anempfehlung des Reisens die Beyspiele der Alten vorzufordern. Wer noch nicht weis, daß die schönsten Geister des Alterthums ein Democrit, ein Plato, ein Empedokles, ein Pythagoras in die entferntesten Länder gereiset, um die seltensten Schätze, mit denen sie ihre Werke bereichert, aufzusuchen, und zu sammeln, bey dem verliert man Worte und Beweise. Hätte Homer, der Fürst der Dichter, nicht gereiset, würden wir seine Odissea und seine Iliade haben 3)?

Die Ufer der Tyber waren es gewiß nicht, an denen die Schriftsteller des alten Roms ihren feinen Geschmack, ihre scharfsinnigen und witzigen Redensarten, die das Bezaubernde ihrer unsterblichen Werken

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ausmachen, erlernet haben. Hätte Titus Livius die Schule zu Athen besuchet, man würde die von seiner Vaterstadt geerbte beleidigenden Ausdrücke an ihm zu tadeln nicht gefunden haben 4).

Das Reisen reiniget den Geschmack, vermehret die Bilder, zerstäubet die Vorurtheile, besseret nicht selten die Sitten. Ein schöner Geist Italiens 5) hat also das Reisen mit Recht einem Flusse verglichen, der, je weiter er von seiner Quelle sich entfernet, desto wasserreicher sich verbreitet: Oder den Gesundbrunnen, die in ihrem Laufe desto vortrefflichere Eigenschaften an sich ziehen, je köstlichere Adern der Mineralien sie durchgerieselt haben.

Nenne man mir eine Profession, der nicht das Reisen Vortheile schafft? Man wird nicht läugnen, daß die Reisen für den Soldatenstand, und zwar sowohl für die Officiere, als für die Generale und Befehlshaber von ungemeiner Wichtigkeit seyn. Von der Eröffnung bis zum Ende des Feldzuges welche Züge, Gegenzüge, Zurückzüge haben sie zu thun! Welche Wege zu ergreifen, um den Feind zu überraschen, oder von ihm nicht überraschet zu werden! In welche Scharmützel müssen sie sich einlassen, welche Schlachten

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liefern! Mit einem Worte: welche Kriegsübungen erfordern nicht eine vollkommene Erkenntniß der Beschaffenheit des Volkes, wider welches man den Krieg führet, und des Landes, auf dem man das Kriegstheater aufzuschlagen gedenkt ? Man darf sich gar nicht schmäucheln, daß man diese Erkenntnisse durch bloßes Bücherlesen ersehen könne. Hatte Montecuculi die Lage der Oerter nur auf der Landcharte studieret, die er zur Schlagung seines Lagers für gut befunden; wurde er eine solche Geschicklichkeit darinnen erlanget haben, die den Turenne selbst in Verwunderung gesetzet?

Was wurde die Staatskunst Richtiges und Gerechtes über die verschiedenen Zwistigkeiten der Gesetzgebung entscheiden können, wenn sie keine Erfahrung auf Reisen eingeholet? Wie würde sie die Schattirungen oder politischen Züge, die so verschiedene Regierungsformen bilden, entdecken? Wie würde sie die Grundsätze auseinander sehen, welche die Macht der einen Monarchie befestigen, da sie den Umsturz einer andern nach sich ziehen würden? Der bloße Verstand ist nicht hinlänglich, die Geheimnisse einer so tiefen Staatskunst zu ergründen. Man muß mit Augen sehen, man muß reisen, man muß die Temse gesehen haben, um die Gränze, wie Montesquieu, auszustecken, die in Großbrittannien eine zaumlose Freyheit von der schimpflichen Strenge einer unumschränkten Herrschaft absondern.

Fühlest du in deiner Seele die göttliche Flamme eines durchdringenden Verstandes; mache dich eilends auf den Weg: nichts, als das Reisen kann diesem Feuer, so deinen Geist verzehret, Nahrung geben. Die bloße Besichtigung des Cap des Tourmentes hat dem Verfasser

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der Lusiade jenes Meisterstuck von Gemälden 6) in seinem fünften Gesange eingegeistet, welches die epische Dichtkunst für allezeit unter die Zahl der schönen Erfindungen beybehalten wird.

Hat die Naturgeschicht Reizungen für dich: Schiffe dich ungesäumt ein, entfernte Eyländer zu besuchen. Hätte Turnefort nur auf den Feldern, die unsre Hauptstadt umgeben, Kräuter gesuchet, würde er die Kräuterwissenschaft mit so unzähligen heilsamen Pflanzen, und seltenen Gewächsen bereichert haben?

Woher hat die Sternsehekunst diese Vollkommenheit erreichet, als durch die Reisen? Sind es die Wart und Schauthurme, von denen man den Lauf und die Bahne der Sterne auf der Himmelskugel bestimmet hat?

Findest du Geschmack an den Alterthümern? Begieb dich unter die Ruinen von dem Herkulan, und von Palmyra. Petree 7) hat zu London die Marmorsteine, Arundel genennt, nicht gefunden.

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Bist du zu dem Throne gebohren; so muß dir ausgelegen seyn, die Neigungen deiner Völker kennen zu lernen. Durchwandere also die Provinzen, die deinen Gesetzen gehorsamen sollen. Besichtige auch die fremde Staaten, mit denen das Interesse der Deinigen dich vieleicht einst verwickeln, und zu ernsthaften Schritten verleiten könnte. Hätte die weichliche Unthätigkeit den Czar Peter zu Moscau beständig zurückgehalten, würde er das russische Reich aus seinem stockfinstern Chaos empor gehoben haben?

Es ist aber nicht genug, daß man nur den Nutzen des Reisens anpreise: Unternimmt man auch selbes mit Frucht? Dieses ist, was uns besonders beschäfftigen soll.

Wir wollen die Früchte der Reisen etwas genauer und umständlicher erwägen, wenn sie vieleicht einigen zu gering scheinen sollten; so werden die Vortheile, die man aus ihnen ziehen kann, die Stelle des Reizenden vertreten. Es sind gewisse Länder, wohin man den jungen Adel seine Reise thun läßt; aber welchen Nutzen können dieselbe verschaffen? Kaum haben die Jünglinge die Knabenschuhe ausgetreten; so vertrauet man sie Hofmeistern an, unter derer Anführung sie die Reiche von Europa durchlaufen; die aber mehrmals keine größere Erkenntniß der Welt haben, als ihre junge Herren selbst, die weder Geschmack für die schönen Wissenschaften, weder Feinheit für derselben Unterscheidung, weder etwas Edels und Erhabenes in der Denkungsart besitzen: Und wie können sie solche ihren Schülern in der Schule der großen Welt beybringen?

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Wie viele jungen Milords, die wir mit kindischen Mienen und ungeschliffenen Sitten zu Paris haben aus ihrem Wagen steigen gesehen, sind nach zweyen Jahren noch eben so ungebildet, und vieleicht noch häßlicher gebildet in selbem zurückgekehret, und haben uns das lächerliche Schauspiel der Jugend erneuert, die ihr altes abgeschmacktes und lächerliches Zeug noch mit jenem der Völker, die sie besuchet haben, bereichert in ihr Vaterland zurückgetragen! In Paris haben sie Die Samaritaninn, und den Garten der Thuillerie: zu Rom die große Koppel des Vaticans: zu Venedig den geflügelten Löwen auf dem St. Marcusplatze mit großen Augen betrachtet. Und, sehen sie, dieses heißt man Reisen. Warum bleiben sie nicht zu Hause? Sie hatten mit weniger Kosten, und mit eben so großen Nutzen die Schönheiten, die sie zu betrachten über Meer gereiset, in einem optischen Spiegel sehen können.

Lasset uns demnach durch die Mängel unsrer Nachbarn klüger werden; lasset uns unsre jungen Herren nicht eher aus Reisen schicken, als bis sie Das zwanzigste Jahr ihres Alters erreichet. Sie sollen an ihren Mentoren oder Hofmeistern kluge und aufgeklärte Freunde haben, die durch ihre schon erlangte und wohl verdaute Erkenntniß sie zubereiten können, jenes in fremden Ländern mit Frucht und Nutzen zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit verdienen kann. Sie sollen wenigst eine kleine Wissenschaft der Muttersprache der Lånder, die sie zu durchreisen gedenken, zum Voraus besitzen. Die ältern und neuern Geschichte sollen für sie ihre Schätze nicht ganz verschlossen haben; und sie sollen nicht ganz Fremdlinge in den schönen Wissenschaften seyn. Wie viele vermeynte Liebhaber derselben haben Reisen gethan, die nicht

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einmal den Pensel des Raphaels von jenem des Perugino unterscheiden können 8).

Würden unsre jungen Leute vom Stande auf solche Art in Zeit von vier oder fünf Jahren Europa durchreisen; der Staat wurde eine Pflanzschule großer Männer von allen Gattungen an ihnen haben. Die Ergötzungen, die einen großen leeren Raum ihres müssigen Lebens ausfüllen müssen, würden den ernsthaften, und für das Vaterland nützlichen Geschäfften gar bald Platz machen. Man vergebe mir den Aussdruck: Sie würden den guten Dienst, den man von Seiten ihrer zu erwarten berechtiget ist, auf diese oder jene Art dreyfach ersehen. Sie würden in den ersten Tagen eines reifen Alters und einer gesetzten Vernunft mit ihrer natürlichen Lebhaftigkeit eine Erfahrung verbinden, die man gemeiniglich nicht eher, als bey der Abendröthe eines greisen Alters erreichet.

Aber wie? Soll dann das Reisen nur für den reichen Adel bestimmet, und die geschickten Geister, die in der Dürftigkeit schmachten, sollen von einem so geschickten Mittel, sich nutzbar zu bilden, ausgeschlossen seyn? Nein; die Großmüthigkeit und die Freygebigkeit großer Monarchen werden die Unbilligkeit ihres

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Schicksals zu ersehen wissen (i). Ein ansehnlicher Vorschuß, der eine Frucht ihrer Frengebigkeit wäre, wurde jene, so die Natur mit Gaben versehen, in dem sehr leicht schadlos halten, was die Natur ihnen an Glücksgütern versaget hat.

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Reiset also ab, ihr Kinder des guten Geschmackes! gehet hin in ferne Länder, den edeln und köstlichen Saft zu schlurfen, der euch zur Nahrung dienen kann.

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Und, da ihr die Wohlthaten euerer Souverainen genießet, machet der ganzen Welt die Stimme euerer Dankbarkeit bekannt.

Ehe ihr abstoßet, fremde Seltenheiten zu betrachten, lernet erst die ausnehmende eueres Vaterlandes

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kennen. 9) Die Hauptstadt (euere Geburtsstadt) schließt nicht alles Denkwürdige eueres Vaterlandes ein. Lille, Marseille, Bordeaux werden euch Seltenheiten zeigen, die ihr vergebens in Paris suchen werdet. 10) Besehet also diese berühmten Städte, und sie werden euch auf den Reisen wenigst zu Vergleichungen dienen.

Man würde sehr unrichtig von dem Charactere einer ganzen Nation urtheilen, wenn man von den Sitten des Pöbels auf die Sitten der Bürger schließen wollte. Der Pöbel, ich gebe es zu, ist allezeit Pöbel; doch ist er nicht durchaus in allem ebenderselbe. Der Niederländer, der an dem Ufer der Scarpe wonet,

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sieht den großen Riesen 11); Der Landmann, den der Klang der Schalmeye an dem Rande der Durance entzücket, überläßt sich der Freude; aber ihre Freuden sind unterschieden.

Nachdem du die Hauptstädte (Frankreichs) durchreiset hast; übersteige die pyrenäischen Gebirge. Noch weit unzugänglichere Schranken schieden ehemal Spanien und Frankreich voneinander: aber das bourbonische Blut hat die Gränzsteine dieser Völker nun enger zusammengeküttet. Wenn du demnach aus unsren Gränzen trittst, so lege alle Empfindung und Vorurtheile ab; betrachte in dem Spanier einen Bundesgenossen, nicht aber einen Sieger auf dem Schlachtfelde von Pavia, oder einen eigennützigen Unterstüßer der blutigen Ligue. 12) Wenn deine Lebhaftigkeit sich mit der spanischen Gravität oder Ernsthaftigkeit,

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die dieses Volk auf eine gezwungene Art sich angewöhnet, nicht zu vertragen scheint, mache einen Philosophen, und sich diese äußern Fehler als einen nothwendigen Einfluß eines herrschenden Gestirnes an. Welches Volk. ist vollkommen? 13)

Das Sanfte unsrer Sitten wird dir einen Abscheu wider das Auto da fe 14) der Spanier erregen. 15) Halt dich über diese Gebrauche nicht auf, wenn sie dir auch noch so spanisch und unmenschlich scheinen sollten. Es ist klug gehandelt, wenn man sich stellet, als merke man die Ausschweifungen nicht, die man nicht hindern kann. Weit entfernet, die Schritte einer auf ihre Gebrauche so eifersuchtigen Nation zu tadeln, hast du mehr Ursache, selbe zu bedauern. Die Uebel, die eines so gewaltthätigen Heilmittels bedürfen, müssen sehr groß seyn. 16)

Du wirst gelesen haben, daß die Spanier an schwülstiger Pralerey fruchtbar seyn. Suche aber erst, diese Aufbürdung selbst zu erfahren, ehe du sie glaubest. Ganze Nationen sind eben so gut, als Private Menschen, den Pfeilen der Verläumdung ausgesetzet.

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Vieleicht hat man die Gesinnungen, die ihren Ursprung von der Erhabenheit ihrer Seele haben, für einen Hochmuth und riesenmäßigen Stolz aufgenommen. Würde übrigens es nicht sehr unbillig seyn, geringe Flecken zu critisiren, die durch so viele schönen Eigenschaften zugedecket werden?

Von Madrit reise nach Lisabon. Bewundere die Mäßigung ihres Himmelsstriches, die Schönheit ihres Havens, die Weitschichtigkeit ihres Handels, die Reichthümer ihres Adels, die Tapferkeit und Munterkeit ihres Volkes. Beneide aber keinesweges ihr diese Vorzüge. Ey! Kann man dann ruhig in einer Stadt sich ihrer Vortheile erfreuen, wenn sie alle Augenblicke, ihre Bürger zu verschlingen, und zu vergraben drohet? Was höre ich? Die Erde brüllet: Fliehe eilends, entlauf der harten Nothwendigkeit, entweder mit unterzugehen, oder das fürchterliche Unglück zu erleben, ein beaugter Zeuge des Untergangs so vieler unglückseligen Menschen zu werden. Welches Herzeleid für empfindsame Seelen! Eile nach Italien, allda einen Zufluchtsort zu suchen. Dort haben die schönen Wissenschaften ihre Wohnung aufgeschlagen; von da haben sie sich zuerst über das noch ungesittete Europa verbreitet. Dieses war die Macht des Gestirnes derer von Medices. Alle Sinne, die das Schöne zu ihrem Gegenstande haben, können allda ihr Vergnügen finden. Die unsterblichen Pensel und Meißel haben allda alles verschönert. Die Baukunst verjüngert täglich allda tausend Meisterstücke. Die Musen und Gratien flößen allda den Reisenden den guten Geschmack ein. Kurz: Alles ist in Italien der Aufmerksamkeit eines Neugierigen würdig. Besonders must du mit diesem sinnreichen Volke Umgang pflegen, um dich in der großen

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Kunst, Menschen zu beherrschen, zu bilden; nicht eines besitzt selbe, wie dieses. Der Denkspruch des lateinischen Dichters bewähret und erfüllt sich noch täglich: Denke, o Römer, daran, daß du zum Herrschen gebohren. 17)

Mache dir hierauf das Vergnügen, den Gegenpart zu sehen. Verlaß das Volk, so die appenninische Gebirge umgränzen, um ein anders, so weit einfachere und naturlichere Sitten hat, zu besuchen. Der Deutsche wird zwar nicht dich durch den Flitterschimmer des Witzes entzücken, und er wird auch sich keine Mühe geben, dich durch eine gezwungene und gekunstelte Höflichkeit einzunehmen; aber seine gute Denkungsart, seine gründliche Vernunft, die sein Erbtheil unter den Vorzügen der Völker geworden, werden ihn deiner Hochschakung würdig machen. 18)

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Er wird zwar jenes Muntere, und Scherzhafte, jenes Flatterhafte und Glanzende, so bey andern Völkern einen angenehmen und galanten Menschen ausmacht, nicht mit sich in die Gesellschaft bringen, er wird nicht Dir mit solcher Dienstgeflissenheit sich aufdringen, die unter gewissen Leuten, die einander in ihrem Leben nicht gesehen haben, Freundschaft errichtet; er wird dir, so lang er dich nicht kennt, keine Anerbiethungen seinerDienste machen, die oft eben so eitel und unvermögend, als übereilet bey andern sind: Er wird sein Wort nicht von sich geben, wenn er es nicht zuvor wohl überleget hat: Giebt er es, so ist es aufrichtig und sicher; seine Freundschaft wird vernünftig und standhaft seyn. Wenn er sich anbeut, dir einen Gefallen

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zu thun, so kannst du dich darauf verlassen. Dieses ist, was er wird wollen, und auch wird können. Ein Wort seines Mundes wird ein Eid, und ein Eid sein Heiligstes seyn.

Seke diesen edeln Zugen des Deutschen seinen starken Eifer für die Religion hinzu, die er einmal angenommen hat 19), ingleichen seine bewunderungswürdige Standhaftigkeit in Ausführung seiner großen Unternehmungen; seine Geduld und sein unverzagtes Herz in den Unglucksfällen von allen Gattungen: alsdann wirst du den Deutschen kennen und schätzen lernen. Nein, welches Land du auch immer durchreisen mögest, so wirst du kein Volk finden, mit dem du einen vortheilhaftern Umgang wirst pflegen können. 20)

Besuche hierauf den edeln Polacken. Sein Muth wird dich in Erstaunung sehen; aber du wirst auch seufzen müssen, wenn die grausamste Tyranney, die

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(i) Fußnote Seiten 64-66

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Wird man uns erlauben, hier einen Entwurf vorzutragen, der uns von einer wichtigen Nutzbarkeit ierinns falls zu seyn scheint? O daß er doch bey jenen einen Eindruck machen mochte, die an dem Ruder der Staaten sitzen! Es wäre zu wünschen, daß die Regierung jedes Jahr zwanzig jungen Leute, die zwischen zwanzig und fünf und zwanzig Jahren ihr Alter zähleten, reisen ließe! Man müßte von jeder der edelsten, und dem Staate und dem gemeinen Wesen nützlichsten Künsten und Wissenschaften zween fähige Lehrlinge auswählen: Man müßte darauf sehen, daß diese Wahl, die man in einer öffentlichen Zusammenberufung, und nach einer genauen Prüfung anstellen müsste, nicht nach dem Gewichte der Gunst, oder der Geschenke, sondern nur allein nach der Schwere des Verdienstes und der Geschicklichkeit ausfalle. Die neuausgewählten jungen Leute müßten unter dem Schutze ihrer Monarchen, die sie ihren Gesandten und Residenten an verschiedenen Höfen anempfehlen würden, ihre Reise thun: Diese müßten ein wachtsames Auge auf ihre Ausführungen haben, und von selben die Minister des Hofes genau berichten. Einige müßten nur Europa durchwandern; andere müßten andere Theile Der Welt besuchen, nachdem es nämlich ihre Profession erheischete. Ich setze, daß man für jeden derselben jährlich zehentausend Franken (ich glaube, für einen Deutschen wären dreyhundert Thaler genug) und wenn

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sie diese Auslage fünf Jahre genossen, und indessen ihren Lauf vollendet hätten, so konnte ich nicht glauben, daß die Million Franken (den Deutschen 30000 Thaler), die sie für diese Reisenden auszahleten, gereuen sollten, wenn man die unermessene Vortheile dagegen abziehen sollte, die man aus ihren Reisen ziehen würde. Welche rühmliche Eifersucht würde man unter der Jugend von guten Sitten erwecken? Welche hohe Mennung würde man den Ausländern von unserm Vaterlande einflößen? Man wird uns einstreuen, dieser Entwurf sey vielen Schwierigkeiten ausgesetzet: Allein lege man mir eine nützliche Einrichtung vor Augen, die nicht nothwendig mit selben verknüpfet war. Würde man diese schweren Geister, die jede kleine Hindernisse in Steine verwandeln, allezeit angehöret haben, würden wir Häuser für die gelähmten Soldaten, Spitäler für die Krüppel, Schulen für die Kriegszucht, und andere dergleichen Stiftungen haben, so die Monarchen verewigen, denen sie ihr Daseyn schuldig sind? Will man uns fragen, was werden diese jungen Leute dem Staate in ihrer Zurückkehre mit ihren Reisen nützen? Wir müssen beschämet dagegen fragen: Was werden sie dem Staate nützen? Oder sind große und geschickte Leute dem Staate zur Last? + Freylich, wenn die Esel, die zu Hause geblieben, den stolzen Rossen, die nur an goldenen Stangen gehen sollten, aus Neide kein Futter in der Krippe lassen. Hierinfalls wurde das morgenländische Frankreich dem abendländischen bald den Trotz biethen

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können, wenn es diesem Entwurfe zwanzig Jahre lang aus dem Schatze der Stiftungen des Julius folgete, und seine geschickten Geister, die unter dem Staube eines pedantischen Zepters schmachten, die Schätze der Wissenschaften aus fremden Ländern sammeln ließen, die ihrem großen Fürsten, und noch größerm Schützer der schönen Wissenschaften unsterbliche Ehre, und dem Vaterlande bey Ausgrabung seiner vernachlässigten eigenen Schätze einen erstaunlichen Vorzug vor vielen großen Reichen verschaffen konnte. Erlaubet mir lieben Landeleute, daß ich an die goldenen Ufer des Rheins fliege, und dort die flüchtigen, aber zu allem tüchtigen Köpfe ausfordere, unsre eigenen Landesleute zu übertreffen. Wenn sie ihren schnellen Geist mit der Aemsigkeit und Unverdrossenheit verbinden wollten; o zu welchen Gelehrten wären sie gebohren! Aber sie müßten nicht nur die unausgeschlafenen Morgenstunden, sondern auch die nüchtere Abendzeit zu wichtigen Geschäfften des menschlichen Fleißes anwenden. Man müßte freylich sich bey der Zurückkehre dieser fränkischen und rheinischen Musensöhne von dem neidigen und elenden Geschnader der alten Gänse, die sich nicht aus ihrem Stalle getrauet haben, und noch minder von dem leeren Geschwätze der alten Schulmonarchen irr machen lassen, die sich mit der Weide mästen, die sie nutzbar verwalten, aber nicht unnütz aufzehren sollten.

1)
Avoit beaucoup appris. Quiconque a beaucoup vu, Peut avoir beaucoup retenu. La Fontaine Liv. I. fab. 8.
2)
Ganz besonders Joseph Hail, Bischof von Norwich, in seiner Schrift wider das Reisen. Contre les Voyages. Und eben seine Schrift war eine Frucht seiner Reisen. Malebranche, Wider die Einbildung.
3)
Homerus hat Aegypten, Spanien und mehrere Länder durchreiset
4)
Titus Livius hätte sich von den Fehlern seiner Landesart von dem Mangel der Höflichkeit, den man ihm schuld giebt, verbessern konnen, wenn er einen Umgang mit den seinen Geistern von Athen gepflogen hätte
5)
Bartoli in seinem gelehrten Manne, den P. Bouhours in seinen sinnreichen Gedanken anführt
6)
Man lese in dem fünften Gesange die 39 Strophe, die anfängt Nao acabaya, quando hua figura. Dichter, die ein großes Werk schreiben wollen, können das Reisen nicht entbehren. Muratorius erzählt, daß, als Tasso zu dem Ende seines befreyten Jerusalems geeilet, habe er seine Einbildung ganz entschöpfet gefunden, und er habe eine Reise vornehmen müssen, um selbe mit neuen Bildern anzufüllen.
7)
Ein kluger Engelländer, den Thomas Graf von Arundel in die Levante gesendet, um die werkwürdigsten Alterthümer aufzusuchen. Unter anderen Seltenheiten brachte er eine sehr beträchtliche Zahl von Marmorsteinen mit, die auf der Insel Paros gesammelt, und wegen ihrer Schönheit Arundels genennet worden.
8)
Man kann der Jugend diese Wahrheit nicht genug einprägen. Wie viele Jünglinge treten die Reisen in die große Welt an, ohne daß sie auch die geringste Erkenntniß von den gemeinsten Dingen haben. Daher kommen die dummesten Reden, die ihnen zu Zeiten entfallen. Dergleichen war die Antwort eines Deutschen, den der Pabst fragte, ob er alle Seltenheiten der Stadt Rom gesehen: Ich habe alles gesehen, sagte er, und es ist nichts mehr übrig, als daß ich noch vor meiner Abreise ein Conclave (eines Pabstes Wahl) sehe + Sind es aber die Deutschen alleine, die als Gånse über Meer fliegen, und als Gacker zuruckkehren?) Das hieße sehr wenig auf seinen Reisen gewonnen zu haben, wenn man seine Wißbegierde dahin einges schränket hätte, nur die Paläste, die Tempel, die Triumphbogen, die Statuen oder Bildsäulen, die Gemälde, die Naturalienkammern, und die Cabineten von verschiedenen Sammlungen der Natur und Kunst, oder alte Drümmer und Ruinen in den Augenschein genommen zu haben. Man muß hauptsächlich selbe dahin anstrengen, die Menschen, die Gesetze, die Sitten, die Neigungen, Eigenschaften und Gebräuche der Völker, bey denen man sich aufhält, bekannt zu machen. Auch ihre Untugenden, Laster und Misbräuche müssen Gegenstände eines aufmerksamen Reisenden seyn. Man muß ein Ausspäher seyn, welche die Grundsätze eines Staates, welche seine Stärke und Quellen, welche die Zweige seiner Handelschaft seyn. Nichts, was belehren und aufklären kann, muß dem Auge entwischen. Aber, man muß sich hüten, über die bey verschiedenen Völkern festgesetzten === 63 === Gebräuche und Gewohnheiten eine Verachtung oder höhnisches Lächeln blicken zu lassen. Nichts ist gehässiger, und nichts zeigt einen schwachen und kurzen Verstand mehr an, als solches menschenwidrige Betragen ((Man muß sich auch in obacht nehmen, von dem Betragen des niedern Pöbels auf den Character einer ganzen Nation zu schließen. Wer zu London nichts als den Pöbel gesehen, schließt unrichtig, daß der Engelsmann grob, bäuerisch, und ungehobelt sey. Das hieße von der Hefen des Fasses die Güte des Malvesiers bestimmen wollen.
9)
Nichts ist schimpflicher, als da man in fremde Länder reiset, Seltenheiten zu bewundern, und man doch die eigene seines Vaterlandes erst in der Fremde muß kennen lernen. Und noch lächerlicher, wenn man in der Fremde Raritäten um Geld suchet, die man zu Hause umsonst håtte sehen können.
10)
Ein wirklicher Wahnwitz eines unverzeihlichen Vorurtheils, daß man nur in der Fremde, oder nur in der Hauptstadt seines Landes das Merkwürdige finde. O wenn die deutschen Völker die Gerippe ihrer Felsen, und die Rücken ihrer Berge, die Beeten ihrer Gewässer durchwühleten, wie würden sie sich schämen, daß sie Seltenheiten bey andern Völkern gesuchet und bewunderet, die sie mit Füßen getreten, und nicht gekennet; und daß sie mit so theuren Kosten in die Fremde gereiset, Schätze der Natur zu sammeln, mit denen sie andere hätten noch bereichern können
11)
Die in Flandern gewesen, die wissen, daß man alle Jahre in den größten Städten dieses Landes dem Volke prächtige Schauspiele mit vielen Kosten aufstelle. Jenes zu Dovay nennt man das Fest des grofen Riesen; es besteht in dem, daß man einen Riesen von Weidenbäumen mit erstaunlichem Prachte auf den Strafen umher spazieren läßt
12)
Die beruhmte franzosische Ligue, oder Verbindniß, die eine Quelle so vieles vergossenen bürgerlichen Blutes war, ist den Franzosen und auch Auswärtigen so unvergeßlich verhaßt, daß, als Heinrich IV zur Dämpfung der innerlichen Kriege lang umsonst einen Beystand wider die Rebellen von der Pforte forderte, der türkische Kaiser, da dem Gesandten von ohngefähr das Wort Ligue entfiel, dem Könige mehr zugestanden, als er begehret hatte.
13)
Die französische Leichtigkeit darf gewiß der spanischen Schwere den Rang der Vollkommenheit nicht streitig machen.
14)
Auto da fe sind die Richterstühle der spanischen Inquisition.
15)
Es ist noch eine Frage, ob die Freygeister in Frankreich, oder die Einfalt in Spanien einen solchen Richterstuhl mehr nöthig habe.
16)
Man sagt, daß Spanien den Richtern der Inquisition nach einem sichern Vorfalle Regeln der Klugheit und Menschlichkeit vorschreibe.
17)
Tu regere imperio populos, Romane, memento.
18)
Der Franzmann irret, wenn er glaubt, dem Deutschen fehle es an Witze. Daß weder sie, noch die an ihre Sprache abgöttisch verwöhnet sind, den Witz der Deutschen nicht kosten, ist die Ursache, daß jene das Schöne und Reine unsrer Sprache nicht verstehen, und diese sie treulos verlernen und verachten. Den Franzosen müssen wir noch Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie den übersetzten Witz der Deutschen schmecken, an dem es unsren deutschen Franzosen, wenn es noch nicht übersetzet, so einbildisch eckelt. Schämen sich doch solche deutschen Gesichter, daß sie ihren Ruhm in dem setzen, ihre Muttersprache weder zu verstehen, noch reden, noch lesen zu können. Sie wollen den Franzmännern alle Mode nachmachen, und hierinn verfehlen sie die || Mode derselben sehr, die zwar unsre Sprache zu reden und zu verstehen sich Mühe geben, aber für einen Hochverrath ihres Vaterlandes halten wurden, ihre eigene Sprache zu vergessen, oder selbe weder reden, поch lesen, noch verstehen zu können. Ich glaube, in dem setzen sie das Artige, so sie in Frankreich erlernet, auch ihre Muttersprache vergessen zu haben. Der Lehrmeister jenes Witzlinges, der aus Frankreich gekommen, und seine Mutter in dem Garten fragte, wie man das Ding auf Deutsch heiße, auf welches er seinen Fuß gesetzet (es war ein Rechen) und das gåhling auffuhr, und ihm so hart eine Beule an die Stirne prellete, daß er vor Schmerzen ausrief: Verfluchter Rechen! würde solche deutschen Franzosen ihre Muttersprache leicht wieder lehren können. Was die Einfalt, Aufrichtigkeit und Treue betrifft, kann man es fast heut zu Tage auf eine Wette ankommen lassen, ob der Deutsche noch ein Deutscher sey.
19)
Der Verfasser muf einen irrigen Begriff von dem Religionseifer der Deutschen haben. Wie lang ist es, daß Deutschland nur einer Religion noch ganz zugethan war, - und heut zu Tage? Wären die Deutschen auf ihren alten Glauben so eifersüchtig, wie, sollte nicht Frankreich mehrere, und Deutschland weniger Veränderungen zählen?
20)
Leider, daß kein Volk der franzosischen Nation in dem Umgange vortheilhafter, als die Deutsche gewesen. Es ist nicht genug, daß die Deutschen den Franzmännern das Mark ihres Landes gelassen; sie tragen auch, um Moden, die unsre deutschen Knebelbarte verunehren, zu erlernen, den ganzen Körper das hin, der manchmal krank, ungesittet, untreu und glaubenslos zurück kehret.
wiki/1762_ansquer_jordan_varietes.txt · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke

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