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wiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen

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wiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen [2026/01/12 15:00] – [520] Norbert Lüdtkewiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen [2026/01/12 15:25] (aktuell) – [461] Norbert Lüdtke
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 Eifer fallen sie da ein, bis das ganze Elend des angeblichen „Amüsements" zu Tage kommt! Und wenn sie das erste mal wirklich noch mit der Hoffnung, sich zu „amüsiren," abgereist waren, das zweite mal ist kein Zweifel mehr, daß auch sie bloß noch aus Mode reisen. Nur eine Klasse giebts, die sich wirklich „amüsirt," das sind die, die unterwegs besser leben als zu Hause, gern Bekanntschaften machen, Toiletten sehen, in die Konzerte gehen u. s. w. Aber was hat das mit dem Reisen zu thun? Hier macht es eben die Ferienstimmung und die etwas größere Opulenz einiger Wochen, und die gönnen wir ihnen von Herzen.  Eifer fallen sie da ein, bis das ganze Elend des angeblichen „Amüsements" zu Tage kommt! Und wenn sie das erste mal wirklich noch mit der Hoffnung, sich zu „amüsiren," abgereist waren, das zweite mal ist kein Zweifel mehr, daß auch sie bloß noch aus Mode reisen. Nur eine Klasse giebts, die sich wirklich „amüsirt," das sind die, die unterwegs besser leben als zu Hause, gern Bekanntschaften machen, Toiletten sehen, in die Konzerte gehen u. s. w. Aber was hat das mit dem Reisen zu thun? Hier macht es eben die Ferienstimmung und die etwas größere Opulenz einiger Wochen, und die gönnen wir ihnen von Herzen. 
  
-Aber man sieht doch auf Reisen so viel schönes, großes, bedeutendes, man muß doch etwas lernen! Nein; man sträubt sich mit Händen und Beinen dagegen, etwas zu lernen, auch nur sehen zu lernen. Wo bliebe denn auch die Bildung, wenn man der Frau, den Kindern, den Mitreisenden oder auch bloß sich selber eingestehen müßte, daß man noch etwas lernen und neu an sich erfahren könne? Das geht nicht. Das ist denn auch der Grund für das widerwärtige Benehmen der meisten Reisenden. Darum tritt man allem bedeutenden, das man sieht, mit bornirter Überlegenheit entgegen, wiselt um so eifriger darüber, je ernsthaftere Anforderungen die Dinge stellen, und ist hinterher gerade so klug wie zuvor. Wie viel besser waren doch die Leute dran, die in einer Zeit lebten, wo ihnen noch nicht Familienjournale, Wandervorträge und ähnliche Lackirmittel einen unklaren Schimmer von allem möglichen beigebracht hatten, wo sie, wenn sie reisten, ohne Halbwisserei an das Einzelne wie das Ganze hinantraten und sich stets von neuem freudig überrascht mit Ernst und Liebe daran machten, zu verstehen und auf sich wirken zu lassen! Wie viel tausendmal größer ist das Vergnügen, der Schilderung in den naiven Aufzeichnungen eines über Venedig gereisten ehrsamen Pilgers des fünfzehnten Jahrhunderts zu lauschen, als den Erzählungen eines modernen „vielgereisten" Kommerziensrats! +Aber man sieht doch auf Reisen so viel schönes, großes, bedeutendes, man muß doch etwas lernen! Nein; man sträubt sich mit Händen und Beinen dagegen, etwas zu lernen, auch nur sehen zu lernen. Wo bliebe denn auch die [[bildungsreise|Bildung]], wenn man der Frau, den Kindern, den Mitreisenden oder auch bloß sich selber eingestehen müßte, daß man noch etwas lernen und neu an sich erfahren könne? Das geht nicht. Das ist denn auch der Grund für das widerwärtige Benehmen der meisten Reisenden. Darum tritt man allem bedeutenden, das man sieht, mit bornirter Überlegenheit entgegen, wiselt um so eifriger darüber, je ernsthaftere Anforderungen die Dinge stellen, und ist hinterher gerade so klug wie zuvor. Wie viel besser waren doch die Leute dran, die in einer Zeit lebten, wo ihnen noch nicht Familienjournale, Wandervorträge und ähnliche Lackirmittel einen unklaren Schimmer von allem möglichen beigebracht hatten, wo sie, wenn sie reisten, ohne Halbwisserei an das Einzelne wie das Ganze hinantraten und sich stets von neuem freudig überrascht mit Ernst und Liebe daran machten, zu verstehen und auf sich wirken zu lassen! Wie viel tausendmal größer ist das Vergnügen, der Schilderung in den naiven Aufzeichnungen eines über Venedig gereisten ehrsamen [[pilger|Pilgers]] des fünfzehnten Jahrhunderts zu lauschen, als den Erzählungen eines modernen „vielgereisten" Kommerziensrats! 
  
-Wir können unsre Behauptung, daß es beim Reisen nicht mehr auf die Erweiterung des Gesichtskreises ankomme, auch durch eine Art gelehrter Empirie begründen. Der Leser begleite uns einmal in die Räume einer größern Bibliothek. Da stehen seit dem sechzehnten Jahrhundert alle die mehr oder minder handlichen, gar nicht schlechten Anleitungen, wie man reisen soll nicht, um gut durchzukommen, diese giebts natürlich auch, sondern um etwas dauerndes davon zu haben, von Zwingers Methodus apodemica und der Nürnberger Ars peregrinandi an bis zu Haeffelins Discours de l'influence des voiages sur les progrès des arts u. a. Über die Schwelle unsrer Zeit haben sie sich nicht gewagt, nicht wagen dürfen. Denn Neumeyers Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen und Issels Istruzioni per viaggiatori nebst den entsprechenden französischen Werken darf man nicht hierher rechnen, das sind wuchtige Bücher zur Vorbereitung für Forschungs +Wir können unsre Behauptung, daß es beim Reisen nicht mehr auf die Erweiterung des Gesichtskreises ankomme, auch durch eine Art gelehrter Empirie begründen. Der Leser begleite uns einmal in die Räume einer größern Bibliothek. Da stehen seit dem sechzehnten Jahrhundert alle die mehr oder minder handlichen, gar nicht schlechten Anleitungen, wie man reisen soll nicht, um gut durchzukommen, diese giebts natürlich auch, sondern um etwas dauerndes davon zu haben, von ''Zwingers'' //Methodus apodemica// [→ [[zeitleiste_reiseanleitungen_16._jahrhundert|Reiseanleitungen 1577]] ] und der Nürnberger //Ars peregrinandi// an bis zu ''Haeffelins'' //Discours de l'influence des voiages sur les progrès des arts//  [→ [[zeitleiste_reiseanleitungen_18._jahrhundert|Reiseanleitungen 1775]] ]  u. a. Über die Schwelle unsrer Zeit haben sie sich nicht gewagt, nicht wagen dürfen. Denn [[ausstellungsliste_reisende_a_bis_z#Georg von Neumayer 1826–1909|Neumeyers]] Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen und ''Issels'' //Istruzioni per viaggiatori// nebst den entsprechenden französischen Werken darf man nicht hierher rechnen, das sind wuchtige Bücher zur Vorbereitung für Forschungs-
  
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-reisende; auch Burckhardts Cicerone nicht, der ein Spezialwerk ist, nur zum Genuß in den Museen verhelfen will und erschreckend wenig dazu benutzt wird. Man will eben gar nicht; tausende und abertausende kaufen zwar den Bädeker, aber benuhen nur die praktischen Führerangaben darin; wer die doch so vortrefflich klaren und knappen kunstgeschichtlichen Einleitungen von Anton Springer gelesen hat, ist geradezu als ein weißer Rabe zu betrachten. Die meisten haben es allerdings vorgehabt und es auf die Eisenbahnfahrt oder auf öde Stunden im Gasthof verschoben; da sind sie aber schließlich doch nicht dazu gekommen. +reisende; auch ''Burckhardts'' [[cicerone|Cicerone]] nicht, der ein Spezialwerk ist, nur zum Genuß in den Museen verhelfen will und erschreckend wenig dazu benutzt wird. Man will eben gar nicht; tausende und abertausende kaufen zwar den Bädeker, aber benuhen nur die praktischen Führerangaben darin; wer die doch so vortrefflich klaren und knappen kunstgeschichtlichen Einleitungen von Anton Springer gelesen hat, ist geradezu als ein weißer Rabe zu betrachten. Die meisten haben es allerdings vorgehabt und es auf die Eisenbahnfahrt oder auf öde Stunden im Gasthof verschoben; da sind sie aber schließlich doch nicht dazu gekommen. 
  
-Freilich giebt es auch noch Leute, die das Herz voll Sehnsucht und mit glühenden Wangen sich alles in der Stille aneignen, was als tüchtige Vorbereitung auf eine bedeutendere Reise gelten kann. Solche findet man unter Primanern, Studenten, Lehrern und Lehrerinnen, angehenden Pastoren, jungen an den Kontorsessel gebannten Kaufleuten, überhaupt unter Leuten, die dann aus Mangel an Geldüberfluß vielleicht gar nicht dazu kommen. Die Hauptmasse der Reisenden sind aber doch die andern. +Freilich giebt es auch noch Leute, die das Herz voll [[sehnsucht|Sehnsucht]] und mit glühenden Wangen sich alles in der Stille aneignen, was als tüchtige Vorbereitung auf eine bedeutendere Reise gelten kann. Solche findet man unter Primanern, Studenten, Lehrern und Lehrerinnen, angehenden Pastoren, jungen an den Kontorsessel gebannten Kaufleuten, überhaupt unter Leuten, die dann aus Mangel an Geldüberfluß vielleicht gar nicht dazu kommen. Die Hauptmasse der [[reisende|Reisenden]] sind aber doch die andern. 
  
 Ich bitte den Leser, den ich keineswegs bloß nach der Regel über die „Anwesenden" ausnehme, sondern den ich darum, weil er Grenzbotenleser ist, auf meiner Seite vermute, sich einmal an das Publikum zu erinnern, mit dem er auf Reisen zusammengepfercht worden ist - man kann es ja leider nur viel zu wenig vermeiden, die Gespräche im Bahnwagen und auf dem Dampfschiff mit anzuhören -, sich zu erinnern, was da für Reiseeindrücke ausgetauscht werden! Du, Männchen, das war mal ein netter Kellner in Desenzano – Nee, wenn das ein Beefsteak sein sollte! Ja, Mailand, das is ne famose Stadt! Schon der Bahnhof! - Verona, nee, da waren wir nicht, das heißt wir sind gleich durchgefahren Was die in Interlaken für Betten hatten! Nee, wenn ich kein ordentliches Federbette kriegen kann Nee, in der Schackothek waren wir nicht, wir hatten uns gleich vorgenommen, bloß in die Kunstausstellung zu gehen Na, ich danke! Einmal sind wir in ein italienisches Hotel gegangen. Einmal und nie wieder! In Basel auf der Münsterterrasse ach, wo der betrunkene Kerl auf der Bank eingeschlafen war? Meyers, die sind schöne dumm gewesen mit ihrem Italienisch lernen; wir sind überall mit Deutsch durchgekommen! Papa, guck doch mal aus! ruft die fünfzehnjährige Tochter. Dem Papa fällt es gar nicht ein; er will sich und seiner Familie einen Aufenthalt in der Schweiz leisten, was geht es ihn an, wenn es schon zwischen München und Lindau schön ist? - Station Hirschsprung! ruft der Schaffner auf der badischen Höllenthalbahn, da oben können die Herrschaften den Hirsch sehen! Der Zug hält inmitten einer großartigen Gebirgsscenerie, senkrechte Felsen engen von beiden Seiten den Paß zu einer Klamm ein, durch die rauschend und Kühle atmend der Wildbach strömt, mächtige, langbärtige Schwarzwaldtannen streben  Ich bitte den Leser, den ich keineswegs bloß nach der Regel über die „Anwesenden" ausnehme, sondern den ich darum, weil er Grenzbotenleser ist, auf meiner Seite vermute, sich einmal an das Publikum zu erinnern, mit dem er auf Reisen zusammengepfercht worden ist - man kann es ja leider nur viel zu wenig vermeiden, die Gespräche im Bahnwagen und auf dem Dampfschiff mit anzuhören -, sich zu erinnern, was da für Reiseeindrücke ausgetauscht werden! Du, Männchen, das war mal ein netter Kellner in Desenzano – Nee, wenn das ein Beefsteak sein sollte! Ja, Mailand, das is ne famose Stadt! Schon der Bahnhof! - Verona, nee, da waren wir nicht, das heißt wir sind gleich durchgefahren Was die in Interlaken für Betten hatten! Nee, wenn ich kein ordentliches Federbette kriegen kann Nee, in der Schackothek waren wir nicht, wir hatten uns gleich vorgenommen, bloß in die Kunstausstellung zu gehen Na, ich danke! Einmal sind wir in ein italienisches Hotel gegangen. Einmal und nie wieder! In Basel auf der Münsterterrasse ach, wo der betrunkene Kerl auf der Bank eingeschlafen war? Meyers, die sind schöne dumm gewesen mit ihrem Italienisch lernen; wir sind überall mit Deutsch durchgekommen! Papa, guck doch mal aus! ruft die fünfzehnjährige Tochter. Dem Papa fällt es gar nicht ein; er will sich und seiner Familie einen Aufenthalt in der Schweiz leisten, was geht es ihn an, wenn es schon zwischen München und Lindau schön ist? - Station Hirschsprung! ruft der Schaffner auf der badischen Höllenthalbahn, da oben können die Herrschaften den Hirsch sehen! Der Zug hält inmitten einer großartigen Gebirgsscenerie, senkrechte Felsen engen von beiden Seiten den Paß zu einer Klamm ein, durch die rauschend und Kühle atmend der Wildbach strömt, mächtige, langbärtige Schwarzwaldtannen streben 
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-verhüllt, die sich aber unter der sinkenden Sonne in sattem Blau entschleiern. Kurz, immer die Weite, nicht die Enge des Gebirgs ist es, was dauernd erfreut. Die Freude an der Rheinebne und ihrer Schönheit haben wir in Baden und an der hessischen Bergstraße bei Eingebornen nirgends äußern, auch kaum zugeben hören und niemals Verständnis für die Sehnsucht gefunden, die über das weite Land dahin der scheidenden Sonne nach nach Westen zieht. Der Strom und die Ufer des Oberrheins von Basel bis Mainz ſind terra incognita und werden geradezu als öde bezeichnet, vielleicht vermag nur der Niederdeutsche, der auch hier an die Poesie der geheimnisvollen Waldbäche und libellenumschwirrten Wiesenflußuser seiner Heimat zurückdenkt, ihnen eine gewisse Stimmung zu entlocken. So erwecken sie denn auch kein besondres Interesse für die Ebene zwischen Schwarzwald und Vogesen, Odenwald und Haardt. Überhaupt sind die scheinbar reicher von der Natur bedachten Gegenden in manchem, was zu dem schönsten gehört, gar arm: die schwirrende Menge der Schmetterlinge über Wiese und Kleefeld und am Waldesrand, das possirliche Durcheinander von tausenderlei Wassergetier in Seen und Bächen, die Mannichfaltigkeit der Vogelstimmen in Wald und Busch sind viel mehr Niederdeutschland als den Gegenden der deutschen Mittelgebirge und Hochebnen eigen. Drum nochmals: zuerst in die Ebne mit den Jungen! Laßt sie sich das schöne nur suchen, sie finden es schon in jenen eigentümlichen drangerfüllten Jahren. Und viel herrlicher noch schwebt ihnen dann das noch Unbekannte vor: Gebirge, Burgen, historische Städte. Laßt sie sich immer das eindrucksvollere aufheben, laßt sie nicht springen und fliegen, sondern schreiten. Den ersten Touren in der Heimat mögen dann, je nach der Erreichbarkeit, Ausflüge folgen nach Rügen, nach den westfälischen Waldgebirgen, an den Rhein, in den Harz und den Thüringerwald, in die sächsische oder die fränkische Schweiz, in die rauhe Alp und an den Bodensee, in den Schwarzwald und in die Vogesen; den Odenwald, die Pfälzer Haardt, die Rhön und die Eifel nicht zu vergessen. Schön ists überall, das Sehenkönnen, das Stimmungfinden, das Gegendverstehen soll es ja thun, das ist es, was wir erwecken und bewahren helfen möchten. Daneben her mögen dann die Städte gehen. Die von historischer Berühmtheit brauchen wir nicht erst anzupreisen: wir denken da an Augsburg, Würzburg, Bamberg, Rothenburg, Nürnberg und Regensburg, an Prag, in den rheinischen Landen an Straßburg, Speier und Worms, Aachen und Köln, an Limburg und Marburg, an Goslar, Braunschweig und Hildesheim, oder Lübeck, Rostock, Stralsund und wer dahin kommt Danzig. Dagegen auf ein paar wahre Perlen alten Städtetums möchten wir doch nachdrücklich aufmerksam machen, wir meinen die Städtchen am östlichen Vogesenfuße, insbesondre Rappoltsweiler, Kaysersberg, Reichenweier, dann die am württembergischen Neckar von Besigheim bis Rottweil hinauf, ferner Überlingen, ferner fast all die alten kleinen Städte in den althairischen und den bairisch +verhüllt, die sich aber unter der sinkenden Sonne in sattem Blau entschleiern. Kurz, immer die Weite, nicht die Enge des Gebirgs ist es, was dauernd erfreut. Die Freude an der Rheinebne und ihrer Schönheit haben wir in Baden und an der hessischen Bergstraße bei Eingebornen nirgends äußern, auch kaum zugeben hören und niemals Verständnis für die Sehnsucht gefunden, die über das weite Land dahin der scheidenden Sonne nach nach Westen zieht. Der Strom und die Ufer des Oberrheins von Basel bis Mainz ſind terra incognita und werden geradezu als öde bezeichnet, vielleicht vermag nur der Niederdeutsche, der auch hier an die Poesie der geheimnisvollen Waldbäche und libellenumschwirrten Wiesenflußuser seiner Heimat zurückdenkt, ihnen eine gewisse Stimmung zu entlocken. So erwecken sie denn auch kein besondres Interesse für die Ebene zwischen Schwarzwald und Vogesen, Odenwald und Haardt. Überhaupt sind die scheinbar reicher von der Natur bedachten Gegenden in manchem, was zu dem schönsten gehört, gar arm: die schwirrende Menge der Schmetterlinge über Wiese und Kleefeld und am Waldesrand, das possirliche Durcheinander von tausenderlei Wassergetier in Seen und Bächen, die Mannichfaltigkeit der Vogelstimmen in Wald und Busch sind viel mehr Niederdeutschland als den Gegenden der deutschen Mittelgebirge und Hochebnen eigen.  
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 +Drum nochmals: zuerst in die Ebne mit den Jungen! Laßt sie sich das schöne nur suchen, sie finden es schon in jenen eigentümlichen drangerfüllten Jahren. Und viel herrlicher noch schwebt ihnen dann das noch Unbekannte vor: Gebirge, Burgen, historische Städte. Laßt sie sich immer das eindrucksvollere aufheben, laßt sie nicht springen und fliegen, sondern schreiten. Den ersten Touren in der Heimat mögen dann, je nach der Erreichbarkeit, Ausflüge folgen nach Rügen, nach den westfälischen Waldgebirgen, an den Rhein, in den Harz und den Thüringerwald, in die sächsische oder die fränkische Schweiz, in die rauhe Alp und an den Bodensee, in den Schwarzwald und in die Vogesen; den Odenwald, die Pfälzer Haardt, die Rhön und die Eifel nicht zu vergessen. Schön ists überall, das Sehenkönnen, das Stimmungfinden, das Gegendverstehen soll es ja thun, das ist es, was wir erwecken und bewahren helfen möchten. Daneben her mögen dann die Städte gehen. Die von historischer Berühmtheit brauchen wir nicht erst anzupreisen: wir denken da an Augsburg, Würzburg, Bamberg, Rothenburg, Nürnberg und Regensburg, an Prag, in den rheinischen Landen an Straßburg, Speier und Worms, Aachen und Köln, an Limburg und Marburg, an Goslar, Braunschweig und Hildesheim, oder Lübeck, Rostock, Stralsund und wer dahin kommt Danzig. Dagegen auf ein paar wahre Perlen alten Städtetums möchten wir doch nachdrücklich aufmerksam machen, wir meinen die Städtchen am östlichen Vogesenfuße, insbesondre Rappoltsweiler, Kaysersberg, Reichenweier, dann die am württembergischen Neckar von Besigheim bis Rottweil hinauf, ferner Überlingen, ferner fast all die alten kleinen Städte in den althairischen und den bairisch 
  
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-gewordnen ehemaligen Stiftslanden, namentlich die in den Gegenden der fränkischen Saale, ferner das thüringische Saalfeld, und vor allen Soest, die einst so mächtige Stadt, die jekt viel zu klein in ihrer alten Umwallung und Befestigung liegt, sodaß diese jezt auch Wiesen und große Gärten mit umschließt. Dann noch eine Gruppe, die aber erst später daran kommen sollte, die Städte der romanischen Schweiz von Freiburg und Yverdon bis an den Genfer See hinab, bis zu dem ragenden, prächtigen Lausanne. Dann erst, wenn der junge Mann sein Deutschland kennt und die verschiedne Art und Sprache der Bewohner in Nord und Süd, dann gebe man ihm, dem für das Neue und seine logische Verwertung nun reif gewordnen, die Schweiz frei, wo er dann auch, wenn es angeht, den Jura nicht vernachlässigen möge, mit seiner eigentümlichen Flora, mit seinem wunderbaren Münsterthal (Val de Moutier) und dem Blick vom Weißenstein über das uralte Solothurn hinweg auf Ebne, Flüsse, Seen und Alpen, lasse ihn die verschiednen Eidgenossen kennen lernen, die halb verwelschten Mäglins und Fräßlis zu Basel, die stattlichen Berner, die respektabeln Bürger in der altberühmten Stadt Zwinglis, Lavaters, Gottfried Kellers und C. F. Meyers, und die Nachfahren des berühmtesten aller deutschen Klöster, St. Gallens; lasse ihn die Spitzen der Hochalpen erklimmen und die Augen weiden an den erhabnen Fernſichten, deren Großartigkeit ihn nun nicht mehr verwirren und für stillere Schönheit unempfänglich machen, sondern wirklich und ohne Schaden reicher machen wird. Oder statt der Schweiz Tirol und das Salzburgerland. Dann erst lasse man ihn in das volle anderssprachige Ausland, nach Genf und Savoyen, nach Paris ziehen, das dem durchgebildeten und den nötigen Halt besitzenden jungen Manne so viel herrliches bietet, wo ihn draußen an der Seine oder auf den Höhen zwischen St. Cloud und Versailles auch die Erinnerung an deutsche Landschaft anheimeln wird, und endlich lasse man ihn in das Wunderland Italien und in das Land der Troubadoure, in die Thäler der Provence pilgern. Denn wer in Deutschland auf mannichfacher Wanderfahrt gelernt hat, sich in andrer Leute und Länder Art zu schicken, statt ungeschickt und unbildsam aufzufallen und anzustoßen, der wird auch heute noch unbehelligt durch die Provinzen Frankreichs wandern, obwohl diese ja den Deutschen weit weniger gewohnt sind, als Paris selber, und die Leute dort etwas mißtrauischer sind. Und ebenso wird er nun auch in Italien nicht mehr mit der einzigen rohen Unterscheidung von deutsch und italienisch dastehen, nicht mehr zwischen Verwundern und Nörgeln hin- und herschwanken, sondern die Leute richtig nehmen, alte, neuere und moderne Sehenswürdigkeiten klassifiziren und in ihrem Wert abschäßen, auch von der italienischen Natur nicht enttäuscht sein, sondern das charakteristische herausfinden und verstehen und die italienische Berglandschaft nach dem deutschen Waldgebirge in ihrer feinern Plastik und Farbenstimmung zu würdigen wissen +gewordnen ehemaligen Stiftslanden, namentlich die in den Gegenden der fränkischen Saale, ferner das thüringische Saalfeld, und vor allen Soest, die einst so mächtige Stadt, die jekt viel zu klein in ihrer alten Umwallung und Befestigung liegt, sodaß diese jezt auch Wiesen und große Gärten mit umschließt. Dann noch eine Gruppe, die aber erst später daran kommen sollte, die Städte der romanischen Schweiz von Freiburg und Yverdon bis an den Genfer See hinab, bis zu dem ragenden, prächtigen Lausanne.  
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 +Dann erst, wenn der junge Mann sein Deutschland kennt und die verschiedne Art und Sprache der Bewohner in Nord und Süd, dann gebe man ihm, dem für das Neue und seine logische Verwertung nun reif gewordnen, die Schweiz frei, wo er dann auch, wenn es angeht, den Jura nicht vernachlässigen möge, mit seiner eigentümlichen Flora, mit seinem wunderbaren Münsterthal (Val de Moutier) und dem Blick vom Weißenstein über das uralte Solothurn hinweg auf Ebne, Flüsse, Seen und Alpen, lasse ihn die verschiednen Eidgenossen kennen lernen, die halb verwelschten Mäglins und Fräßlis zu Basel, die stattlichen Berner, die respektabeln Bürger in der altberühmten Stadt Zwinglis, Lavaters, Gottfried Kellers und C. F. Meyers, und die Nachfahren des berühmtesten aller deutschen Klöster, St. Gallens; lasse ihn die Spitzen der Hochalpen erklimmen und die Augen weiden an den erhabnen Fernſichten, deren Großartigkeit ihn nun nicht mehr verwirren und für stillere Schönheit unempfänglich machen, sondern wirklich und ohne Schaden reicher machen wird. Oder statt der Schweiz Tirol und das Salzburgerland. Dann erst lasse man ihn in das volle anderssprachige Ausland, nach Genf und Savoyen, nach Paris ziehen, das dem durchgebildeten und den nötigen Halt besitzenden jungen Manne so viel herrliches bietet, wo ihn draußen an der Seine oder auf den Höhen zwischen St. Cloud und Versailles auch die Erinnerung an deutsche Landschaft anheimeln wird, und endlich lasse man ihn in das Wunderland Italien und in das Land der Troubadoure, in die Thäler der Provence pilgern. Denn wer in Deutschland auf mannichfacher Wanderfahrt gelernt hat, sich in andrer Leute und Länder Art zu schicken, statt ungeschickt und unbildsam aufzufallen und anzustoßen, der wird auch heute noch unbehelligt durch die Provinzen Frankreichs wandern, obwohl diese ja den Deutschen weit weniger gewohnt sind, als Paris selber, und die Leute dort etwas mißtrauischer sind. Und ebenso wird er nun auch in Italien nicht mehr mit der einzigen rohen Unterscheidung von deutsch und italienisch dastehen, nicht mehr zwischen Verwundern und Nörgeln hin- und herschwanken, sondern die Leute richtig nehmen, alte, neuere und moderne Sehenswürdigkeiten klassifiziren und in ihrem Wert abschäßen, auch von der italienischen Natur nicht enttäuscht sein, sondern das charakteristische herausfinden und verstehen und die italienische Berglandschaft nach dem deutschen Waldgebirge in ihrer feinern Plastik und Farbenstimmung zu würdigen wissen 
  
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-sich auf in kleine tüchtige Galerien nach Art der Schweriner oder der Karlsruher, dann nach Braunschweig, nach Kassel, dann in die von Berlin und Dresden, in die alte Pinakothek und den Louvre, und nun erst mögen Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Venedig folgen und die kleinern Sammlungen Italiens, wo der Besucher nun förmlich schwelgen wird in den Freuden des Entdeckers, nun in die Kirchen, und schließlich in Deutschland noch einmal überall hin, jekt zu den Meistern, und vor allem auf die große Wallfahrt nach Kolmar und Köln. Bei unsern Studenten, die von einer süddeutschen Universität im Angust nach dem Norden heimkehren, ist jekt eine ganze Badetour Mode geworden, etwa: Wiesbaden, Homburg, Ems u. s. w. Das finden wir recht überflüssig. Nebenbei einmal in eins davon hineinsehen, das genügt doch vollständig. Und da raten wir, wenns sich gerade bequem macht, immer noch am meisten zu Baden-Baden; dort hat man alles beisammen, schöne Anlagen, Eleganz, Luxus, internationales Treiben, und doch nicht bloß die Öde davon, sondern zugleich die herrlichste Natur, den prächtigen Blick vom alten Schloß und der ragenden Burg Alteberstein, wilde Felspartien und träumenden Tannenforst, und in der lieblichen Gartenstadt selbst, wo es immer noch möglich ist, sich behaglich und billig einzurichten, an warmen, blütenduftenden Frühlingsund Sommerabenden die wunderbare festliche Ruhestimmung, die durch Hölderlins „Nacht" klingt: Aber das Saitenspiel tönt fern ans Gärten; vielleicht daß Dort ein Liebender spielt, oder ein einsamer Mann Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen, Immerquillend und frisch, rauschen am duftenden Beet, Still in dämnuriger Luft ertönen geläutete Glocken, Und der Stunden gedenk, rufet ein Wächter die Zahl. Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf. Sieh! und das Ebenbild unserer Erde, der Mond, Kommet geheim nun auch, die Schwärmerische, die Nacht, kommt; Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen, Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf. Aber die schönste Jahreszeit ist es doch, wann der Frühling auf die Berge steigt! Höchstens Heidelberg und der Rheingau kommen diesem Frühling Baden- Badens gleich. Überhaupt, wie viel schöner ist es, das Erwachen der Natur von dem ersten Schwellen der Blattknospen und von dem ersten taumelnden Citronenfalter an Tag für Tag mitzuleben, als, wie es jekt Mode ist, im März und April nach Italien zu gehen. Schön ist es dort ja auch, aber doch kein rechter Frühling. Frühling am Rhein, August an der See, September im Gebirge, Oktober in Italien, das wäre unser Programm. Aber wer kanns? Der Leser meint ohnedies am Ende, wir müßten ein rechtes Tagediebleben geführt haben, wenn +sich auf in kleine tüchtige Galerien nach Art der Schweriner oder der Karlsruher, dann nach Braunschweig, nach Kassel, dann in die von Berlin und Dresden, in die alte Pinakothek und den Louvre, und nun erst mögen Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Venedig folgen und die kleinern Sammlungen Italiens, wo der Besucher nun förmlich schwelgen wird in den Freuden des Entdeckers, nun in die Kirchen, und schließlich in Deutschland noch einmal überall hin, jekt zu den Meistern, und vor allem auf die große Wallfahrt nach Kolmar und Köln.  
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 +Bei unsern Studenten, die von einer süddeutschen Universität im Angust nach dem Norden heimkehren, ist jekt eine ganze Badetour Mode geworden, etwa: Wiesbaden, Homburg, Ems u. s. w. Das finden wir recht überflüssig. Nebenbei einmal in eins davon hineinsehen, das genügt doch vollständig. Und da raten wir, wenns sich gerade bequem macht, immer noch am meisten zu Baden-Baden; dort hat man alles beisammen, schöne Anlagen, Eleganz, Luxus, internationales Treiben, und doch nicht bloß die Öde davon, sondern zugleich die herrlichste Natur, den prächtigen Blick vom alten Schloß und der ragenden Burg Alteberstein, wilde Felspartien und träumenden Tannenforst, und in der lieblichen Gartenstadt selbst, wo es immer noch möglich ist, sich behaglich und billig einzurichten, an warmen, blütenduftenden Frühlingsund Sommerabenden die wunderbare festliche Ruhestimmung, die durch Hölderlins „Nacht" klingt:  
 +  Aber das Saitenspiel tönt fern ans Gärten; vielleicht daß  
 +  Dort ein Liebender spielt, oder ein einsamer Mann  
 +  Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen,  
 +  Immerquillend und frisch, rauschen am duftenden Beet,  
 +  Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,  
 +  Und der Stunden gedenk, rufet ein Wächter die Zahl.  
 +  Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf.  
 +  Sieh! und das Ebenbild unserer Erde, der Mond,  
 +  Kommet geheim nun auch, die Schwärmerische, die Nacht, kommt;  
 +  Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns  
 +  Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,  
 +  Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.  
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 +Aber die schönste Jahreszeit ist es doch, wann der Frühling auf die Berge steigt! Höchstens Heidelberg und der Rheingau kommen diesem Frühling Baden- Badens gleich. Überhaupt, wie viel schöner ist es, das Erwachen der Natur von dem ersten Schwellen der Blattknospen und von dem ersten taumelnden Citronenfalter an Tag für Tag mitzuleben, als, wie es jekt Mode ist, im März und April nach Italien zu gehen. Schön ist es dort ja auch, aber doch kein rechter Frühling.  
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 +Frühling am Rhein, August an der See, September im Gebirge, Oktober in Italien, das wäre unser Programm. Aber wer kanns? Der Leser meint ohnedies am Ende, wir müßten ein rechtes Tagediebleben geführt haben, wenn 
  
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-wir so viel Zeit für ein „intensives" Kennenlernen Deutschlands gehabt haben, daß wir uns getrauen, zwischen der Westgrenze und dem mitteleuropäischen Zeitmeridian irgendwo vom Himmel zu fallen und sofort zu wissen, wo wir uns befinden. Vielleicht dürfen wir dem Leser gelegentlich einmal etwas von der Technik und Ökonomie unsrer bescheidnen und doch so herrlichen Wanderfahrten erzählen. Stangensche Packetreisen und Gesellschaftsfahrten mit der Augusta Viktoria oder Kapitän Bade sind freilich nicht dabei .+wir so viel Zeit für ein „intensives" Kennenlernen Deutschlands gehabt haben, daß wir uns getrauen, zwischen der Westgrenze und dem mitteleuropäischen Zeitmeridian irgendwo vom Himmel zu fallen und sofort zu wissen, wo wir uns befinden.  
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 +Vielleicht dürfen wir dem Leser gelegentlich einmal etwas von der Technik und Ökonomie unsrer bescheidnen und doch so herrlichen Wanderfahrten erzählen. Stangensche Packetreisen und Gesellschaftsfahrten mit der //Augusta Viktoria// oder //Kapitän Bade// sind freilich nicht dabei .
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