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wiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen

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wiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen [2026/01/12 15:03] – [525] Norbert Lüdtkewiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen [2026/01/12 15:25] (aktuell) – [461] Norbert Lüdtke
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 Eifer fallen sie da ein, bis das ganze Elend des angeblichen „Amüsements" zu Tage kommt! Und wenn sie das erste mal wirklich noch mit der Hoffnung, sich zu „amüsiren," abgereist waren, das zweite mal ist kein Zweifel mehr, daß auch sie bloß noch aus Mode reisen. Nur eine Klasse giebts, die sich wirklich „amüsirt," das sind die, die unterwegs besser leben als zu Hause, gern Bekanntschaften machen, Toiletten sehen, in die Konzerte gehen u. s. w. Aber was hat das mit dem Reisen zu thun? Hier macht es eben die Ferienstimmung und die etwas größere Opulenz einiger Wochen, und die gönnen wir ihnen von Herzen.  Eifer fallen sie da ein, bis das ganze Elend des angeblichen „Amüsements" zu Tage kommt! Und wenn sie das erste mal wirklich noch mit der Hoffnung, sich zu „amüsiren," abgereist waren, das zweite mal ist kein Zweifel mehr, daß auch sie bloß noch aus Mode reisen. Nur eine Klasse giebts, die sich wirklich „amüsirt," das sind die, die unterwegs besser leben als zu Hause, gern Bekanntschaften machen, Toiletten sehen, in die Konzerte gehen u. s. w. Aber was hat das mit dem Reisen zu thun? Hier macht es eben die Ferienstimmung und die etwas größere Opulenz einiger Wochen, und die gönnen wir ihnen von Herzen. 
  
-Aber man sieht doch auf Reisen so viel schönes, großes, bedeutendes, man muß doch etwas lernen! Nein; man sträubt sich mit Händen und Beinen dagegen, etwas zu lernen, auch nur sehen zu lernen. Wo bliebe denn auch die Bildung, wenn man der Frau, den Kindern, den Mitreisenden oder auch bloß sich selber eingestehen müßte, daß man noch etwas lernen und neu an sich erfahren könne? Das geht nicht. Das ist denn auch der Grund für das widerwärtige Benehmen der meisten Reisenden. Darum tritt man allem bedeutenden, das man sieht, mit bornirter Überlegenheit entgegen, wiselt um so eifriger darüber, je ernsthaftere Anforderungen die Dinge stellen, und ist hinterher gerade so klug wie zuvor. Wie viel besser waren doch die Leute dran, die in einer Zeit lebten, wo ihnen noch nicht Familienjournale, Wandervorträge und ähnliche Lackirmittel einen unklaren Schimmer von allem möglichen beigebracht hatten, wo sie, wenn sie reisten, ohne Halbwisserei an das Einzelne wie das Ganze hinantraten und sich stets von neuem freudig überrascht mit Ernst und Liebe daran machten, zu verstehen und auf sich wirken zu lassen! Wie viel tausendmal größer ist das Vergnügen, der Schilderung in den naiven Aufzeichnungen eines über Venedig gereisten ehrsamen Pilgers des fünfzehnten Jahrhunderts zu lauschen, als den Erzählungen eines modernen „vielgereisten" Kommerziensrats! +Aber man sieht doch auf Reisen so viel schönes, großes, bedeutendes, man muß doch etwas lernen! Nein; man sträubt sich mit Händen und Beinen dagegen, etwas zu lernen, auch nur sehen zu lernen. Wo bliebe denn auch die [[bildungsreise|Bildung]], wenn man der Frau, den Kindern, den Mitreisenden oder auch bloß sich selber eingestehen müßte, daß man noch etwas lernen und neu an sich erfahren könne? Das geht nicht. Das ist denn auch der Grund für das widerwärtige Benehmen der meisten Reisenden. Darum tritt man allem bedeutenden, das man sieht, mit bornirter Überlegenheit entgegen, wiselt um so eifriger darüber, je ernsthaftere Anforderungen die Dinge stellen, und ist hinterher gerade so klug wie zuvor. Wie viel besser waren doch die Leute dran, die in einer Zeit lebten, wo ihnen noch nicht Familienjournale, Wandervorträge und ähnliche Lackirmittel einen unklaren Schimmer von allem möglichen beigebracht hatten, wo sie, wenn sie reisten, ohne Halbwisserei an das Einzelne wie das Ganze hinantraten und sich stets von neuem freudig überrascht mit Ernst und Liebe daran machten, zu verstehen und auf sich wirken zu lassen! Wie viel tausendmal größer ist das Vergnügen, der Schilderung in den naiven Aufzeichnungen eines über Venedig gereisten ehrsamen [[pilger|Pilgers]] des fünfzehnten Jahrhunderts zu lauschen, als den Erzählungen eines modernen „vielgereisten" Kommerziensrats! 
  
-Wir können unsre Behauptung, daß es beim Reisen nicht mehr auf die Erweiterung des Gesichtskreises ankomme, auch durch eine Art gelehrter Empirie begründen. Der Leser begleite uns einmal in die Räume einer größern Bibliothek. Da stehen seit dem sechzehnten Jahrhundert alle die mehr oder minder handlichen, gar nicht schlechten Anleitungen, wie man reisen soll nicht, um gut durchzukommen, diese giebts natürlich auch, sondern um etwas dauerndes davon zu haben, von Zwingers Methodus apodemica und der Nürnberger Ars peregrinandi an bis zu Haeffelins Discours de l'influence des voiages sur les progrès des arts u. a. Über die Schwelle unsrer Zeit haben sie sich nicht gewagt, nicht wagen dürfen. Denn Neumeyers Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen und Issels Istruzioni per viaggiatori nebst den entsprechenden französischen Werken darf man nicht hierher rechnen, das sind wuchtige Bücher zur Vorbereitung für Forschungs +Wir können unsre Behauptung, daß es beim Reisen nicht mehr auf die Erweiterung des Gesichtskreises ankomme, auch durch eine Art gelehrter Empirie begründen. Der Leser begleite uns einmal in die Räume einer größern Bibliothek. Da stehen seit dem sechzehnten Jahrhundert alle die mehr oder minder handlichen, gar nicht schlechten Anleitungen, wie man reisen soll nicht, um gut durchzukommen, diese giebts natürlich auch, sondern um etwas dauerndes davon zu haben, von ''Zwingers'' //Methodus apodemica// [→ [[zeitleiste_reiseanleitungen_16._jahrhundert|Reiseanleitungen 1577]] ] und der Nürnberger //Ars peregrinandi// an bis zu ''Haeffelins'' //Discours de l'influence des voiages sur les progrès des arts//  [→ [[zeitleiste_reiseanleitungen_18._jahrhundert|Reiseanleitungen 1775]] ]  u. a. Über die Schwelle unsrer Zeit haben sie sich nicht gewagt, nicht wagen dürfen. Denn [[ausstellungsliste_reisende_a_bis_z#Georg von Neumayer 1826–1909|Neumeyers]] Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen und ''Issels'' //Istruzioni per viaggiatori// nebst den entsprechenden französischen Werken darf man nicht hierher rechnen, das sind wuchtige Bücher zur Vorbereitung für Forschungs-
  
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-reisende; auch Burckhardts Cicerone nicht, der ein Spezialwerk ist, nur zum Genuß in den Museen verhelfen will und erschreckend wenig dazu benutzt wird. Man will eben gar nicht; tausende und abertausende kaufen zwar den Bädeker, aber benuhen nur die praktischen Führerangaben darin; wer die doch so vortrefflich klaren und knappen kunstgeschichtlichen Einleitungen von Anton Springer gelesen hat, ist geradezu als ein weißer Rabe zu betrachten. Die meisten haben es allerdings vorgehabt und es auf die Eisenbahnfahrt oder auf öde Stunden im Gasthof verschoben; da sind sie aber schließlich doch nicht dazu gekommen. +reisende; auch ''Burckhardts'' [[cicerone|Cicerone]] nicht, der ein Spezialwerk ist, nur zum Genuß in den Museen verhelfen will und erschreckend wenig dazu benutzt wird. Man will eben gar nicht; tausende und abertausende kaufen zwar den Bädeker, aber benuhen nur die praktischen Führerangaben darin; wer die doch so vortrefflich klaren und knappen kunstgeschichtlichen Einleitungen von Anton Springer gelesen hat, ist geradezu als ein weißer Rabe zu betrachten. Die meisten haben es allerdings vorgehabt und es auf die Eisenbahnfahrt oder auf öde Stunden im Gasthof verschoben; da sind sie aber schließlich doch nicht dazu gekommen. 
  
-Freilich giebt es auch noch Leute, die das Herz voll Sehnsucht und mit glühenden Wangen sich alles in der Stille aneignen, was als tüchtige Vorbereitung auf eine bedeutendere Reise gelten kann. Solche findet man unter Primanern, Studenten, Lehrern und Lehrerinnen, angehenden Pastoren, jungen an den Kontorsessel gebannten Kaufleuten, überhaupt unter Leuten, die dann aus Mangel an Geldüberfluß vielleicht gar nicht dazu kommen. Die Hauptmasse der Reisenden sind aber doch die andern. +Freilich giebt es auch noch Leute, die das Herz voll [[sehnsucht|Sehnsucht]] und mit glühenden Wangen sich alles in der Stille aneignen, was als tüchtige Vorbereitung auf eine bedeutendere Reise gelten kann. Solche findet man unter Primanern, Studenten, Lehrern und Lehrerinnen, angehenden Pastoren, jungen an den Kontorsessel gebannten Kaufleuten, überhaupt unter Leuten, die dann aus Mangel an Geldüberfluß vielleicht gar nicht dazu kommen. Die Hauptmasse der [[reisende|Reisenden]] sind aber doch die andern. 
  
 Ich bitte den Leser, den ich keineswegs bloß nach der Regel über die „Anwesenden" ausnehme, sondern den ich darum, weil er Grenzbotenleser ist, auf meiner Seite vermute, sich einmal an das Publikum zu erinnern, mit dem er auf Reisen zusammengepfercht worden ist - man kann es ja leider nur viel zu wenig vermeiden, die Gespräche im Bahnwagen und auf dem Dampfschiff mit anzuhören -, sich zu erinnern, was da für Reiseeindrücke ausgetauscht werden! Du, Männchen, das war mal ein netter Kellner in Desenzano – Nee, wenn das ein Beefsteak sein sollte! Ja, Mailand, das is ne famose Stadt! Schon der Bahnhof! - Verona, nee, da waren wir nicht, das heißt wir sind gleich durchgefahren Was die in Interlaken für Betten hatten! Nee, wenn ich kein ordentliches Federbette kriegen kann Nee, in der Schackothek waren wir nicht, wir hatten uns gleich vorgenommen, bloß in die Kunstausstellung zu gehen Na, ich danke! Einmal sind wir in ein italienisches Hotel gegangen. Einmal und nie wieder! In Basel auf der Münsterterrasse ach, wo der betrunkene Kerl auf der Bank eingeschlafen war? Meyers, die sind schöne dumm gewesen mit ihrem Italienisch lernen; wir sind überall mit Deutsch durchgekommen! Papa, guck doch mal aus! ruft die fünfzehnjährige Tochter. Dem Papa fällt es gar nicht ein; er will sich und seiner Familie einen Aufenthalt in der Schweiz leisten, was geht es ihn an, wenn es schon zwischen München und Lindau schön ist? - Station Hirschsprung! ruft der Schaffner auf der badischen Höllenthalbahn, da oben können die Herrschaften den Hirsch sehen! Der Zug hält inmitten einer großartigen Gebirgsscenerie, senkrechte Felsen engen von beiden Seiten den Paß zu einer Klamm ein, durch die rauschend und Kühle atmend der Wildbach strömt, mächtige, langbärtige Schwarzwaldtannen streben  Ich bitte den Leser, den ich keineswegs bloß nach der Regel über die „Anwesenden" ausnehme, sondern den ich darum, weil er Grenzbotenleser ist, auf meiner Seite vermute, sich einmal an das Publikum zu erinnern, mit dem er auf Reisen zusammengepfercht worden ist - man kann es ja leider nur viel zu wenig vermeiden, die Gespräche im Bahnwagen und auf dem Dampfschiff mit anzuhören -, sich zu erinnern, was da für Reiseeindrücke ausgetauscht werden! Du, Männchen, das war mal ein netter Kellner in Desenzano – Nee, wenn das ein Beefsteak sein sollte! Ja, Mailand, das is ne famose Stadt! Schon der Bahnhof! - Verona, nee, da waren wir nicht, das heißt wir sind gleich durchgefahren Was die in Interlaken für Betten hatten! Nee, wenn ich kein ordentliches Federbette kriegen kann Nee, in der Schackothek waren wir nicht, wir hatten uns gleich vorgenommen, bloß in die Kunstausstellung zu gehen Na, ich danke! Einmal sind wir in ein italienisches Hotel gegangen. Einmal und nie wieder! In Basel auf der Münsterterrasse ach, wo der betrunkene Kerl auf der Bank eingeschlafen war? Meyers, die sind schöne dumm gewesen mit ihrem Italienisch lernen; wir sind überall mit Deutsch durchgekommen! Papa, guck doch mal aus! ruft die fünfzehnjährige Tochter. Dem Papa fällt es gar nicht ein; er will sich und seiner Familie einen Aufenthalt in der Schweiz leisten, was geht es ihn an, wenn es schon zwischen München und Lindau schön ist? - Station Hirschsprung! ruft der Schaffner auf der badischen Höllenthalbahn, da oben können die Herrschaften den Hirsch sehen! Der Zug hält inmitten einer großartigen Gebirgsscenerie, senkrechte Felsen engen von beiden Seiten den Paß zu einer Klamm ein, durch die rauschend und Kühle atmend der Wildbach strömt, mächtige, langbärtige Schwarzwaldtannen streben 
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-wir so viel Zeit für ein „intensives" Kennenlernen Deutschlands gehabt haben, daß wir uns getrauen, zwischen der Westgrenze und dem mitteleuropäischen Zeitmeridian irgendwo vom Himmel zu fallen und sofort zu wissen, wo wir uns befinden. Vielleicht dürfen wir dem Leser gelegentlich einmal etwas von der Technik und Ökonomie unsrer bescheidnen und doch so herrlichen Wanderfahrten erzählen. Stangensche Packetreisen und Gesellschaftsfahrten mit der Augusta Viktoria oder Kapitän Bade sind freilich nicht dabei .+wir so viel Zeit für ein „intensives" Kennenlernen Deutschlands gehabt haben, daß wir uns getrauen, zwischen der Westgrenze und dem mitteleuropäischen Zeitmeridian irgendwo vom Himmel zu fallen und sofort zu wissen, wo wir uns befinden.  
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 +Vielleicht dürfen wir dem Leser gelegentlich einmal etwas von der Technik und Ökonomie unsrer bescheidnen und doch so herrlichen Wanderfahrten erzählen. Stangensche Packetreisen und Gesellschaftsfahrten mit der //Augusta Viktoria// oder //Kapitän Bade// sind freilich nicht dabei .
wiki/1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen.1768230236.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke