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wiki:1893_essay_grunow_allerlei_vom_reisen

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-reisende; auch Burckhardts Cicerone nicht, der ein Spezialwerk ist, nur zum Genuß in den Museen verhelfen will und erschreckend wenig dazu benutzt wird. Man will eben gar nicht; tausende und abertausende kaufen zwar den Bädeker, aber benuhen nur die praktischen Führerangaben darin; wer die doch so vortrefflich klaren und knappen kunstgeschichtlichen Einleitungen von Anton Springer gelesen hat, ist geradezu als ein weißer Rabe zu betrachten. Die meisten haben es allerdings vorgehabt und es auf die Eisenbahnfahrt oder auf öde Stunden im Gasthof verschoben; da sind sie aber schließlich doch nicht dazu gekommen. +reisende; auch ''Burckhardts'' [[cicerone|Cicerone]] nicht, der ein Spezialwerk ist, nur zum Genuß in den Museen verhelfen will und erschreckend wenig dazu benutzt wird. Man will eben gar nicht; tausende und abertausende kaufen zwar den Bädeker, aber benuhen nur die praktischen Führerangaben darin; wer die doch so vortrefflich klaren und knappen kunstgeschichtlichen Einleitungen von Anton Springer gelesen hat, ist geradezu als ein weißer Rabe zu betrachten. Die meisten haben es allerdings vorgehabt und es auf die Eisenbahnfahrt oder auf öde Stunden im Gasthof verschoben; da sind sie aber schließlich doch nicht dazu gekommen. 
  
-Freilich giebt es auch noch Leute, die das Herz voll Sehnsucht und mit glühenden Wangen sich alles in der Stille aneignen, was als tüchtige Vorbereitung auf eine bedeutendere Reise gelten kann. Solche findet man unter Primanern, Studenten, Lehrern und Lehrerinnen, angehenden Pastoren, jungen an den Kontorsessel gebannten Kaufleuten, überhaupt unter Leuten, die dann aus Mangel an Geldüberfluß vielleicht gar nicht dazu kommen. Die Hauptmasse der Reisenden sind aber doch die andern. +Freilich giebt es auch noch Leute, die das Herz voll [[sehnsucht|Sehnsucht]] und mit glühenden Wangen sich alles in der Stille aneignen, was als tüchtige Vorbereitung auf eine bedeutendere Reise gelten kann. Solche findet man unter Primanern, Studenten, Lehrern und Lehrerinnen, angehenden Pastoren, jungen an den Kontorsessel gebannten Kaufleuten, überhaupt unter Leuten, die dann aus Mangel an Geldüberfluß vielleicht gar nicht dazu kommen. Die Hauptmasse der [[reisende|Reisenden]] sind aber doch die andern. 
  
 Ich bitte den Leser, den ich keineswegs bloß nach der Regel über die „Anwesenden" ausnehme, sondern den ich darum, weil er Grenzbotenleser ist, auf meiner Seite vermute, sich einmal an das Publikum zu erinnern, mit dem er auf Reisen zusammengepfercht worden ist - man kann es ja leider nur viel zu wenig vermeiden, die Gespräche im Bahnwagen und auf dem Dampfschiff mit anzuhören -, sich zu erinnern, was da für Reiseeindrücke ausgetauscht werden! Du, Männchen, das war mal ein netter Kellner in Desenzano – Nee, wenn das ein Beefsteak sein sollte! Ja, Mailand, das is ne famose Stadt! Schon der Bahnhof! - Verona, nee, da waren wir nicht, das heißt wir sind gleich durchgefahren Was die in Interlaken für Betten hatten! Nee, wenn ich kein ordentliches Federbette kriegen kann Nee, in der Schackothek waren wir nicht, wir hatten uns gleich vorgenommen, bloß in die Kunstausstellung zu gehen Na, ich danke! Einmal sind wir in ein italienisches Hotel gegangen. Einmal und nie wieder! In Basel auf der Münsterterrasse ach, wo der betrunkene Kerl auf der Bank eingeschlafen war? Meyers, die sind schöne dumm gewesen mit ihrem Italienisch lernen; wir sind überall mit Deutsch durchgekommen! Papa, guck doch mal aus! ruft die fünfzehnjährige Tochter. Dem Papa fällt es gar nicht ein; er will sich und seiner Familie einen Aufenthalt in der Schweiz leisten, was geht es ihn an, wenn es schon zwischen München und Lindau schön ist? - Station Hirschsprung! ruft der Schaffner auf der badischen Höllenthalbahn, da oben können die Herrschaften den Hirsch sehen! Der Zug hält inmitten einer großartigen Gebirgsscenerie, senkrechte Felsen engen von beiden Seiten den Paß zu einer Klamm ein, durch die rauschend und Kühle atmend der Wildbach strömt, mächtige, langbärtige Schwarzwaldtannen streben  Ich bitte den Leser, den ich keineswegs bloß nach der Regel über die „Anwesenden" ausnehme, sondern den ich darum, weil er Grenzbotenleser ist, auf meiner Seite vermute, sich einmal an das Publikum zu erinnern, mit dem er auf Reisen zusammengepfercht worden ist - man kann es ja leider nur viel zu wenig vermeiden, die Gespräche im Bahnwagen und auf dem Dampfschiff mit anzuhören -, sich zu erinnern, was da für Reiseeindrücke ausgetauscht werden! Du, Männchen, das war mal ein netter Kellner in Desenzano – Nee, wenn das ein Beefsteak sein sollte! Ja, Mailand, das is ne famose Stadt! Schon der Bahnhof! - Verona, nee, da waren wir nicht, das heißt wir sind gleich durchgefahren Was die in Interlaken für Betten hatten! Nee, wenn ich kein ordentliches Federbette kriegen kann Nee, in der Schackothek waren wir nicht, wir hatten uns gleich vorgenommen, bloß in die Kunstausstellung zu gehen Na, ich danke! Einmal sind wir in ein italienisches Hotel gegangen. Einmal und nie wieder! In Basel auf der Münsterterrasse ach, wo der betrunkene Kerl auf der Bank eingeschlafen war? Meyers, die sind schöne dumm gewesen mit ihrem Italienisch lernen; wir sind überall mit Deutsch durchgekommen! Papa, guck doch mal aus! ruft die fünfzehnjährige Tochter. Dem Papa fällt es gar nicht ein; er will sich und seiner Familie einen Aufenthalt in der Schweiz leisten, was geht es ihn an, wenn es schon zwischen München und Lindau schön ist? - Station Hirschsprung! ruft der Schaffner auf der badischen Höllenthalbahn, da oben können die Herrschaften den Hirsch sehen! Der Zug hält inmitten einer großartigen Gebirgsscenerie, senkrechte Felsen engen von beiden Seiten den Paß zu einer Klamm ein, durch die rauschend und Kühle atmend der Wildbach strömt, mächtige, langbärtige Schwarzwaldtannen streben 
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