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Essay 1893 Grunow Allerlei vom Reisen

  • Die Grenzboten
    Zeitschrift für Politik Litteratur und Kunst
    (Leipzig: Wilhelm Grunow], 52.2 (1893) 2 459–467 & 519–526 Allerlei vom Reisen. Online

Allerlei vom Reisen

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In müssige, neugierige, aufgeblasene, eitle und milzsüchtige Reisende teilte Yorick seine Mitreisenden ein, denen er in den Gasthöfen und Diligencen des Kontinents begegnete, so weit sie nicht „Reisende aus Notwendigkeit“ oder geschäftlichen Absichten waren. Seitdem hat das neunzehnte Jahrhundert eine neue Gattung hervorgebracht, die alle andern aus dem Felde geschlagen und sich das breite und plumpe Übergewicht erobert hat, das sind die Reisenden aus Mode, von denen die aus Sport nur eine Unterabteilung sind. Die Mode ist bekanntlich ein Ding, das mit ernsthafter Überlegung und vernünftigen Absichten möglichst wenig zu thun hat. Das ist es denn auch, was den üblichen Modereisenden unsrer Zeit von allen andern unterscheidet, denn alle frühern, selbst „der müssige Reisende,„ ließen sich, wie wiederum Yorick selber bezeugt, doch immer noch „deshalb von Boots- und Postknechten durch die zivilisirten Reiche dieses Erdbodens schleppen, weil sie Kenntnisse und Wissen erlangen wollten.“ Davon ist bei den Modereisenden nicht mehr die Rede.

Ohne Widerspruch wird freilich der Satz nicht bleiben, daß für die große Mehrheit der modernen Reisenden die Erweiterung des Gesichtskreises aufgehört habe, der Reisezweck zu sein. Aber es ist so. Man behauptet auch in der That gar nicht mehr, daß man reise, um sich zu bilden. Wer wird denn auch in unsrer herrlichen Zeit der allgemeinen Bildung, wo einem jede Köchin kündigen würde, der man sich etwa zu sagen erlaubte, daß sie nicht auf der obersten Stufe der Bildung stehe, eingestehen, daß er durch Reisen etwas lernen könne? Nein, man giebt ganz andre Gründe für seine Reisen die Badereisen lasse ich hier beiseite -: man reist, weil man es sich leisten kann, weil man es seiner pekuniären Stellung schuldig ist, oder anders ausgedrückt: Buchholzens reisen, weil es Bergfeldts ärgert. Andre meinen, sie würden sich „amüsiren.„ Ach, welche Enttäuschungen erleben sie! Hätten sie doch lieber dasselbe Geld in Frühschoppen, Schaumtorte und Zirkusbesuch angelegt! Natürlich behaupten sie aber hinterher doch, sie hätten sich „köstlich amüsirt,“ es sei „himmlisch„ in Italien u. s. w. Da braucht man nur einmal die Probe zu machen und wenn sie so recht in allgemeinen Redensarten schwelgen, ganz leise anzufangen auf Italien zu räsonniren - mit welchem

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Eifer fallen sie da ein, bis das ganze Elend des angeblichen „Amüsements“ zu Tage kommt! Und wenn sie das erste mal wirklich noch mit der Hoffnung, sich zu „amüsiren,„ abgereist waren, das zweite mal ist kein Zweifel mehr, daß auch sie bloß noch aus Mode reisen. Nur eine Klasse giebts, die sich wirklich „amüsirt,“ das sind die, die unterwegs besser leben als zu Hause, gern Bekanntschaften machen, Toiletten sehen, in die Konzerte gehen u. s. w. Aber was hat das mit dem Reisen zu thun? Hier macht es eben die Ferienstimmung und die etwas größere Opulenz einiger Wochen, und die gönnen wir ihnen von Herzen.

Aber man sieht doch auf Reisen so viel schönes, großes, bedeutendes, man muß doch etwas lernen! Nein; man sträubt sich mit Händen und Beinen dagegen, etwas zu lernen, auch nur sehen zu lernen. Wo bliebe denn auch die Bildung, wenn man der Frau, den Kindern, den Mitreisenden oder auch bloß sich selber eingestehen müßte, daß man noch etwas lernen und neu an sich erfahren könne? Das geht nicht. Das ist denn auch der Grund für das widerwärtige Benehmen der meisten Reisenden. Darum tritt man allem bedeutenden, das man sieht, mit bornirter Überlegenheit entgegen, wiselt um so eifriger darüber, je ernsthaftere Anforderungen die Dinge stellen, und ist hinterher gerade so klug wie zuvor. Wie viel besser waren doch die Leute dran, die in einer Zeit lebten, wo ihnen noch nicht Familienjournale, Wandervorträge und ähnliche Lackirmittel einen unklaren Schimmer von allem möglichen beigebracht hatten, wo sie, wenn sie reisten, ohne Halbwisserei an das Einzelne wie das Ganze hinantraten und sich stets von neuem freudig überrascht mit Ernst und Liebe daran machten, zu verstehen und auf sich wirken zu lassen! Wie viel tausendmal größer ist das Vergnügen, der Schilderung in den naiven Aufzeichnungen eines über Venedig gereisten ehrsamen Pilgers des fünfzehnten Jahrhunderts zu lauschen, als den Erzählungen eines modernen „vielgereisten„ Kommerziensrats!

Wir können unsre Behauptung, daß es beim Reisen nicht mehr auf die Erweiterung des Gesichtskreises ankomme, auch durch eine Art gelehrter Empirie begründen. Der Leser begleite uns einmal in die Räume einer größern Bibliothek. Da stehen seit dem sechzehnten Jahrhundert alle die mehr oder minder handlichen, gar nicht schlechten Anleitungen, wie man reisen soll nicht, um gut durchzukommen, diese giebts natürlich auch, sondern um etwas dauerndes davon zu haben, von Zwingers Methodus apodemica und der Nürnberger Ars peregrinandi an bis zu Haeffelins Discours de l'influence des voiages sur les progrès des arts u. a. Über die Schwelle unsrer Zeit haben sie sich nicht gewagt, nicht wagen dürfen. Denn Neumeyers Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen und Issels Istruzioni per viaggiatori nebst den entsprechenden französischen Werken darf man nicht hierher rechnen, das sind wuchtige Bücher zur Vorbereitung für Forschungs

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reisende; auch Burckhardts Cicerone nicht, der ein Spezialwerk ist, nur zum Genuß in den Museen verhelfen will und erschreckend wenig dazu benutzt wird. Man will eben gar nicht; tausende und abertausende kaufen zwar den Bädeker, aber benuhen nur die praktischen Führerangaben darin; wer die doch so vortrefflich klaren und knappen kunstgeschichtlichen Einleitungen von Anton Springer gelesen hat, ist geradezu als ein weißer Rabe zu betrachten. Die meisten haben es allerdings vorgehabt und es auf die Eisenbahnfahrt oder auf öde Stunden im Gasthof verschoben; da sind sie aber schließlich doch nicht dazu gekommen.

Freilich giebt es auch noch Leute, die das Herz voll Sehnsucht und mit glühenden Wangen sich alles in der Stille aneignen, was als tüchtige Vorbereitung auf eine bedeutendere Reise gelten kann. Solche findet man unter Primanern, Studenten, Lehrern und Lehrerinnen, angehenden Pastoren, jungen an den Kontorsessel gebannten Kaufleuten, überhaupt unter Leuten, die dann aus Mangel an Geldüberfluß vielleicht gar nicht dazu kommen. Die Hauptmasse der Reisenden sind aber doch die andern.

Ich bitte den Leser, den ich keineswegs bloß nach der Regel über die „Anwesenden“ ausnehme, sondern den ich darum, weil er Grenzbotenleser ist, auf meiner Seite vermute, sich einmal an das Publikum zu erinnern, mit dem er auf Reisen zusammengepfercht worden ist - man kann es ja leider nur viel zu wenig vermeiden, die Gespräche im Bahnwagen und auf dem Dampfschiff mit anzuhören -, sich zu erinnern, was da für Reiseeindrücke ausgetauscht werden! Du, Männchen, das war mal ein netter Kellner in Desenzano – Nee, wenn das ein Beefsteak sein sollte! Ja, Mailand, das is ne famose Stadt! Schon der Bahnhof! - Verona, nee, da waren wir nicht, das heißt wir sind gleich durchgefahren Was die in Interlaken für Betten hatten! Nee, wenn ich kein ordentliches Federbette kriegen kann Nee, in der Schackothek waren wir nicht, wir hatten uns gleich vorgenommen, bloß in die Kunstausstellung zu gehen Na, ich danke! Einmal sind wir in ein italienisches Hotel gegangen. Einmal und nie wieder! In Basel auf der Münsterterrasse ach, wo der betrunkene Kerl auf der Bank eingeschlafen war? Meyers, die sind schöne dumm gewesen mit ihrem Italienisch lernen; wir sind überall mit Deutsch durchgekommen! Papa, guck doch mal aus! ruft die fünfzehnjährige Tochter. Dem Papa fällt es gar nicht ein; er will sich und seiner Familie einen Aufenthalt in der Schweiz leisten, was geht es ihn an, wenn es schon zwischen München und Lindau schön ist? - Station Hirschsprung! ruft der Schaffner auf der badischen Höllenthalbahn, da oben können die Herrschaften den Hirsch sehen! Der Zug hält inmitten einer großartigen Gebirgsscenerie, senkrechte Felsen engen von beiden Seiten den Paß zu einer Klamm ein, durch die rauschend und Kühle atmend der Wildbach strömt, mächtige, langbärtige Schwarzwaldtannen streben

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von winzigen Vorsprüngen an den grauen Wänden empor, ihre Wurzeln mit suchendem Anklammern umherstreckend, Moos, Frauenhaar, Farnwedel hängen feucht an dem überrieselten Gestein herab, und alles drängt sich an die Fenster, um - nach dem blechernen Hirsch zu spähen, den der Verschönerungsverein auf eine der Felszacken gestellt hat, und macht sich nach der Weiterfahrt noch eine Viertelstunde lang mit der ganzen überlegnen Befriedigung des Philisters über den kurzsichtigen Professor der Philologie lustig, der geglaubt hat, da stehe ein wirklicher Hirsch! - So, Sie waren auch in Herrenchiemsee? Haben Sie auch gesehen, daß der Führer die eine Thür nicht ausgemacht hat? Da wirds wohl gewesen sein? Meinen Sie? Wer wird sich nur die Blöße geben, zu fragen, was da gewesen sein soll. Die beiden Damen tuscheln geheimnisvoll weiter, während die blauen Wasser des Chiemsees am Bug aufschäumen und die sinkende Sonne die Schindeldächer und Baumgruppen der Fraueninsel übergoldet und mit breitem Schein auf dem Hochgern liegt und auf der ragenden Kampenwand, und überall auf dem Dampfer zischelts und räsonnirts über den armen König, und nur hie und da ist einer, der ehrlich äußert, wie ihn all der leere Prunk und Glanz der Schloßsäle mit Bewundrung erfüllt habe. Aber dazu reichts kaum bei einem, sich in die eigenthümliche, zugleich aus überreizter Laune und aus Resignation geborene Stimmung zu vertiefen, die auf menschenfernem Eiland dieses neue Versailles hat entstehen lassen wollen. Was ist denn das da drüben? fragt zwischendurch ein andrer. Die Fraueninsel. Ist da auch was los? Nein. soll übrigens ein ulkiges Fremdenbuch sein, bemerkt ein dritter. Na, jezt ists zu spät. Sonst ist also nichts dort los? Wie gesagt, nein. der gütige Himmel der kleinen Gemeinde auf der Fraueninsel noch lange gewähren, daß solcher Stumpfsinn weiter gedeihe, und wenn hier und dort das unglückseligerweise einmal für eine illustrirte Zeitung ausgebeutete Maler- und Dichterbuch Neugierige zu Attacken auf die Insel verleitet, wo sonst nichts los ist, daß dann die grobe Unzugänglichkeit des Stammtisches unter den beiden Linden auch fernerhin dagegen schütze! „

Und wenn nun all diese Ausflügler wieder nach Hause kommen, was ist ihnen dann geblieben? Des modernen Menschen Reise währt dreißig, wenns hoch kommt fünfundvierzig Tage, und wenns köstlich gewesen, das heißt wenn nichts passirt ist, so ists Langeweile und Ärger gewesen. Mitgebracht fürs Leben, gelernt haben sie nichts. Zur Landschaft mögen sie in den Alpen oder in Norwegen ein sie befriedigendes Verhältnis gewonnen haben, feinerer landschaftlicher Reiz wird ihnen auch dort verborgen geblieben sein, die italische Landschaft hat sie enttäuscht; dem Volke sind sie nirgends näher getreten, sondern immer nur den Ausbeutern (sie kamen eben immer nur an die Orte altbetriebner oder schnellgelernter Fremdenindustrie), die peinliche Unkenntnis der Sprache hat sie an jedem Verkehr über die gewerbsmäßigen Fremdenspediteure

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hinaus gehindert, darum scheint ihnen sogar der deutsch-schweizerische Gastwirt sympathischer als der Italiener und der, so weit er nicht gerade manifestirt oder Zeitungsartikel schreibt, grundliebenswürdige Franzose. Gegessen haben sie fast nur in dem „von Deutschen frequentirten“ Gasthofe und nur hie und da einmal etwas landesübliches probirt, um sich darüber lustig zu machen. Die Weine Italiens hatten sie sich in der Art der süßen griechischen Weine vorgestellt und haben sie nun mit Verwunderung „sauer„ gefunden, was sie gar nicht sind (diese Weinenttäuschung erlebt übrigens der an die süße, fuselige Weinpanscherei gewöhnte Norddeutsche schon am Rhein und in Baden). Von den Sehenswürdigkeiten, die sie massenhaft zu sich genommen haben, haften ein paar Glanznummern der Natur, wie die blaue Grotte, der Rheinfall wenn der Rhein nämlich tüchtig Wasser hat, sonst war auch da ihre Erwartung in falsche Bahn gelenkt oder die Bastei, von menschlichen Leistungen die augenfälligsten, wie der Trocadero, kühne Bahnbauten, glänzende Vergnügungsorte, der schiefe Turm in Pisa und der Mailänder Dom, sonst vielleicht noch Juliens Grab in Verona und das Nürnberger Bratwurstglöckle. Die Bauten, Denkmäler, Kleinodien dagegen, deren Ruhm noch aus älterer, feinsinnigerer Zeit stammt, sind ihnen unbehaglich gewesen, wie die Museen und Galerien auch, und wenn sie sich trokdem verpflichtet fühlen, etwas darüber zu sagen, so wissen sie doch nur noch, daß in den sogenannten Stanzen ein Bild sei, wo Apollo verrückterweise eine Geige spiele, und finden, am gräßlichsten seien „die Botticellis“ gewesen, die Bädeker so herausstreicht. Nee, da lob ich mir doch die drei Parzen von Thumann und „Verlassen“ von Bodenhausen. Ach, und wieviel Unanständiges haben sie gesehen, besonders die Damen, unanständig mit spitzem st, diese niederdeutsche Spezialität aus den Landen der Tingeltangel und der Prüderie. Von dem wüsten Zeug der „historischen„ Führererklärungen ist natürlich auch nichts mehr übrig, aber dies und nur dies empfinden sie gelegentlich im geheimen als einen Mangel in dem Erfolg ihrer Reise. Und doch ist, daß sie das wieder vergessen haben, vielleicht noch das Beste dabei.

Aber die Unfähigkeit, mit Erfolg zu reisen kann doch nicht darin allein wurzeln, daß der moderne Bildungsproz überall ängstlich vermeidet, ehrliche Wißbegier zu bekennen und statt dessen sich selber produzirt. Das allein würde doch die Thatsache noch nicht erklären, daß gerade der Berliner von allen der ungeschickteste und verständnisloseste Reisende ist. Denn jener Bildungsdusel ist leider nicht auf die Berliner beschränkt, und andrerseits ist auch der naivere und von Renommisterei fremde Ausnahmeberliner nicht besser daran. Darum müssen wir annehmen, daß der Berliner in seiner Eigenschaft als Großstädter besonders schlecht zum erfolgreichen Reisen geeignet sei, und daß ihn stärker als den Nichtgroßstädter objektive Schwierigkeiten hindern. Wir müssen also, um diese festzustellen, ihn einmal besonders ins Auge fassen. Am deutlichsten

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läßt sich das Verhalten unsrer Spreeathener auf Reisen und Touren mit ihnen in Deutschland selber beobachten; im Auslande hebt sich der Gegensatz zu andern Deutschen nicht so scharf ab.

Ich habe einst mit lieben Freunden aus Berlin, tüchtigen, gescheiten, daneben natürlich etwas schnoddrigen Leuten, als Student vom wunderschönen Heidelberg aus Odenwald- und Schwarzwaldtouren gemacht, und wenn wir uns verregnet und halb verirrt in das elendeste kleine Einödhaus flüchteten, wo nebenbei ein bischen Gastwirtschaft für Landbriefträger und Waldarbeiter betrieben wurde damals blühte das Sommerfrischen- und Luftkurortwesen noch nicht so auf diesen weltentrückten Höhen, da forderten sie dann stets ein Glas Bier und ein belegtes Butterbrot. Das war gerade so, als wollte jemand auf Rügen ein Viertel „Neuen“ und ein saures Leberle verlangen. Was half alles predigen, ein Zwetschgenwasser könnten sie haben und ein paar Eier, vielleicht eine Landjägerwurst oder „Servila„ (Cervelat, eine kleine kugelige Fleischwurst) und ein Glas nicht vom schlechtesten Landwein nein, es wurde forträsonnirt, und bei der nächsten derartigen Einkehr ging es gerade wieder so. In Tirol nicht weit von Wörgl und Kufstein saßen wir einmal in der Kantine eines kleinen Bergwerks oder vielmehr daran, nämlich auf dem schmalen Bret, das als Bank außen an dem Verschlag befestigt war, und ließen die Beine über den fast hundert Meter tiefen Abgrund baumeln. Die Arbeiter, die auch gerade frühstückten, waren freundlich zusammengerückt, und wie sie, schnitten auch wir mit dem Taschenmesser in das gemeinsame Brot und stocherten außerdem in einem opulenten Spiegeleiermahl herum. Gerade wurde auch ein Fäßchen schäumenden Biers angesteckt da bestellt so ein Unglücksmensch vom grünen Strand der Spree - Brauselimonade! Und dann der Lärm, weil keine dawar! Daß ein Berliner zu irgend einer andern Mundart je das geringste Verhältnis gewönne, kommt auch kaum vor, es ist das beste, sie versuchens gar nicht, denn die mit lauter falschen Sch-Lauten vermengte Jüdelei, die sie dann für „süddeutsch“ ausgeben (die großen Unterschiede der bairischen, der alamannischen und der fränkischen Mundart merken sie gar nicht), genügt, einen geradezu wild zu machen. Das widerwärtigste und unzuträglichste aber ist das ewige und sich nie genug thuende Wizeln und spöttische Fragen über alles und jedes, was ander ists als in Berlin und Stegliz, seis Speise und Trank, seis Lebensgewohnheit, seis einfacher, offner Sinn, und vor allem über das, was wirklich besser ist. Seit Jahren schon ist mir aufgefallen, daß immer im späten September und im Oktober ein Hauch erneuter Preußenabneigung durch die Baiern und ihre kleine lokale Presse geht, und daß man auch sonst in süddeutschen Landen gerade um diese Zeit das alte böse Wort vom „.hungrige Preiß„ wieder zu hören bekommt. Wie soll das gerade um diese Zeit entstehen, wenn nicht als unwillkürlicher Nachruf an den eben wieder abgezognen Schwarm des Berliner und verwandten Sommerfrischler- und Touristentums

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Noch eine Eigenschaft des Norddeutschen, gegen die sich ja sonst nichts sagen läßt, trägt zu solchen Ärgernissen bei: daß er nämlich nicht so leichtherzig und ohne alle Renommisterei ein paar Groschen mehr als nötig ausgiebt, wie das der Süddeutsche thut, und daß er beim Bezahlen gern viel fragt und nachfragt und wieder fragt und sich wundert, statt selber vorher zu rechnen, wie es der des Landesbrauchs kundige Autochthone und jeder gewandtere Fremde thut. Aber das würde noch nicht viel schaden, wenn nicht die infame Gewohnheit des Berliners dazukäme, dort, wo noch der Väter biedre Sitten und Preise herrschen, zu fragen, aber wohlweislich immer erst, wenn er schon bezahlt hat: Nu sagen Se mal, wie können Se eijentlich bei die Preise bestehen? Dann ärgert sich natürlich der Herr Wirt zum Auerhahn oder zum Rebstock oder zum goldnen Lamm, daß er nicht mehr gefordert hat, trägt aber diesen Ärger dem Fremden nach und nimmt sich vor, das nächste Jahr seinen Gästen nicht wieder so einfältig vorzukommen.

Das meiste offne Vergnügen an allem fremden Wesen und die ehrlichste, oft freilich etwas komisch herauskommende Bemühung, sich ihm anzupassen, findet man auf Reisen bei dem Sachsen. Wie mag das kommen? Am Ende ist es wohl derselbe Zug, der die Sachsen auch zu so höflichen Leuten macht Ausnahmen bestätigen die Regel. Dagegen sind die Sachsen, wenigstens nach unsern vielleicht unzulänglichen Beobachtungen, auch die, die am leichtesten etwas kleinlich werden und ihren ganzen Reiseplan, die Wahl ihres Seebades u. s. w. möglichst nach der Billigkeit und dem, was fürs Geld geboten wird, einrichten.

Doch nun zu der Erklärung, weshalb gerade der Berliner so besonders ungenießbar als Reisender ist. Daran ist, wir deuteten es schon an, zwar auch sein Gefühl der Überlegenheit im allgemeinen schuld, dann aber als objektive Ursache doch auch seine besondre Lage. Berlin ist eine große Stadt geworden; anderthalb Millionen Menschen leben dort mit gleicher Ausdrucksweise und trok aller sozialen Unterschiede, trok aller Verschiedenheit des Anteils und des ihnen zugänglichen Raffinements doch im ganzen mit den gleichen materiellen Begriffen und Neigungen. Dazu kommt, daß nicht bloß der geborne Berliner Begriffe wie „Eisbein“ oder „ein Echtes„ mit der absolut gewährleisteten Sicherheit, verstanden zu werden, gebraucht, er hört auch fortwährend, daß die zahllosen Ostpreußen, Mecklenburger u. s. w. und kaum minder auch die West- und Süddeutschen in Berlin diese Ausdrücke ohne weiteres mitgebrauchen, er hört von ihnen selten einmal ein andres Wort. Ferner bringt es die Eigentümlichkeit des Berliner Gassenpublikums und Schusterbubentums mit sich, daß man auch in „Kreisen,“ denen feinere kulinarische Genüsse verschlossen bleiben, diese Genüsse doch vom Hörensagen recht genau kennt und die aristokratischen oder bourgeoismäßigen Bezeichnungen dafür gern parodistisch verwendet. Durch alles das muß sich dem Berliner die Meinung einprägen,

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daß seine Terminologie und sein Geschmack im Essen, Trinken und in der äußern Lebensweise das absolut richtige und sie nicht ohne weiteres zu verstehen und sich ihnen anzupassen ein Zeichen von Schwerfälligkeit und zurückgebliebner Bildung sei. Und so hält er sich für vollkommen berechtigt, sich über abweichendes nur lustig zu machen. Das übt er denn auch fleißig überall in Deutschland; im Auslande ist er daran ja etwas gehindert, aber für Italien hat das Berlinertum diese heillose Manier auch schon anzuwenden begonnen.

Wir haben hier immer nur das Reisen in Deutschland und Italien, daneben in Tirol und in der Schweiz im Auge, aus dem einfachen Grunde, weil wir von dem reisenden deutschen Durchschnittspublikum reden, das sich hauptsächlich über diese vier Länder ergießt. Bald wird freilich der skandinavische Norden vor Italien zu nennen sein, und die Nordlandfahrten sind eine Mode, die jeder Vernünftige aufs nachdrücklichste unterstützen sollte. Nicht bloß um Italien zu bewahren (wenn es auch dortigen Gastwirten schweizerischer oder deutscher Abkunst etwas Schaden bringt), sondern auch des reisenden Publikums wegen, denn dieses hat von den Fjorden Norwegens und andern drastischen und leichtverständlichen Schönheiten des Nordens unbedingt einen frohern Genuß, als von dem Anblick der Campagna und der sixtinischen Kapelle. Wenigstens so lange, als es für Italien so wenig reis ist wie jekt. Ohne eine stärkere Ablenkung des großen Reisestroms nach dem Norden und vielleicht bald auch nach England und Schottland werden wir sicherlich in Italien über kurz oder lang dieselbe leidige Anpassung an das Berlinertum beginnen sehen, wie sie jekt München mit seinen neuen prunkvollen „Restaurants,„ seinen vernorddeutschten Speisekarten und der immer fühlbarer werdenden Preissteigerung vornimmt, und wie sie z. B. die deutschen Seebäder u. a. sogar durch die Einführung der Berliner „Weißen“ und ähnlicher Spezialitäten schon seit einer Reihe von Jahren vorgenommen haben. Überdies scheint ja an den Norwegern, wenigstens nach Ausweis ihrer Litteratur, nicht allzuviel zu verderben zu sein.

Was könnte nun aber geschehen, damit etwas vernünftiger und wieder mit etwas mehr Erfolg für den Reisenden selber gereist würde? In einer der alten methodischen Anleitungen zum Reisen, dem bei Weygand in Leipzig 1784 erschienenen „Handbuch für Reisende aus allen Ständen,„ steht auf S. 4 der Satz: „Nach meiner Meinung hat man nicht eher ein Recht, die Ausländer aufzusuchen und ihnen Rechenschaft von ihren Denkmälern und Einsichten abzufordern, bis man ihnen selbst klare Begriffe von den Künstlern seiner eignen Nation, von den Vorzügen seines Vaterlandes, von seinen Sitten und den Grundsätzen seiner Staatsverwaltung in Tausch bieten kann.“ Es ließe sich da noch manches hinzusehen, aber eben das, wovor in dem Handbuche gewarnt wird, daß man etwa zu früh und zu unvorbereitet in die Weite schweist, hat die Übelstände hervorgebracht, und die schönen Eisenbahnen haben seitdem die

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Sache gewaltig verschlimmert. Es fehlt uns eben an jeglicher Methode zu reisen. Wir ersticken fast in pädagogischen Erörterungen; alle einzelnen Lehrgegenständchen, alle nützlichen und praktischen Thätigkeiten haben ihre mit einander streitenden und wetteifernden Theorien und Lehrgänge; nur eine so wichtige „Disziplin„ wie das Reisen wird ohne die Frage gelassen: Wie soll man reisen? oder gar bloß auf die Menge, auf die Kilometerzahl gerichtet. Wer nach Chicago zur Weltausstellung fährt, kommt natürlich als ein ganz andrer Kerl zurück, als der, der sich etwa „nur“ eine Reise nach Nürnberg oder München leistet. So meint er selber, und „man“ im Durchschnitt auch. Und dabei kommt der eine vielleicht um nichts als die verworrene Erinnerung an allerhand Trubel bereichert und um etliche hundert Dollars leichter zurück, während der andre Geist und Herz mit wertvollen und für das ganze Leben nachwirkenden Genüssen erfüllt hat.

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Allerlei vom Reisen (Schluß) Welches soll nun aber die Methode sein? Nun, wir denken, darüber wird man sich wohl einigen können. Als Grundsay wird gewiß anerkannt werden, daß stufenweise vorgegangen werden müßte. Die Frage ist nur, welches die ersten, welches die lekten Stufen sein sollen. Soll man die großen, leichtverständlichen Eindrücke zuerst nehmen? dem Berner Oberlande den Schwarzwald

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und schließlich die Lüneburger Heide folgen lassen? Erst Rom und Venedig, dann Augsburg und Bamberg und schließlich die alten märkischen Städtchen? Nein, so gehts gewiß nicht, so wenig wie es geht, den Babies Gänseleberpastete und Mixed Pickles zu geben und dann allmählich zur Zwiebacksuppe herabzusteigen.

Versuchen wir also einmal den umgekehrten Weg. Eines freilich ist zuzugeben: ganz bei der Stange zu bleiben ist kaum möglich, dafür sorgen schon die Bade- und Vergnügungsreisen der Eltern, bei denen die Kinder mitgenommen werden müssen. Aber bei den selbständigen Ausflügen, Touren und Reisen der Knaben und jungen Leute ließe sich doch wohl eine Stufenfolge festhalten. Man fange damit an, daß man die Jungen etwa zum Käfer- und Schmetterlingsammeln hinausschickt in die Wälder, Wiesen und Felder der nächsten Umgebung der Heimatstadt. Die armen Tiere können einem ja leid thun, aber besser ist diese Art von Sammeln doch immer noch, als die Briefmarkensammelei, die rasch zum Schacher und zu allen Arten des Kleinbetrugs führt. Nur eins dulde man nicht: Vogeleier zu sammeln. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat selbst vor Zeiten eine schöne Ciersammlung besessen, mit manchem im Triumph erkletterten Falken- oder Reiherei, mit nächtlich auf heimlicher Kahnfahrt erkämpftem Schwanenei u. s. w. Aber was gäbe er drum, wenn all diese glorreichen Schülerabenteuer nicht gewesen wären, wenn er das Schreien des Hähers, der bis an die Stadt neben ihm herflog, als er ihm die Hälfte seines Nestes geleert hatte, das Wimmern des Singvögelchens, dem täglich das neu gelegte Ei genommen wurde, nicht mehr hörte! Also sobald es das Wetter erlaubt, täglich hinaus mit den Buben in die Natur, und wäre es selbst auf Kosten gewisser Schularbeiten, z. B. der aufgegebnen lateinischen Phrasen; die mögen am andern Morgen in den Zwischenstunden gelernt oder in Gottes Namen abgelesen werden so ein bischen Kriegslist gegen Lehrplan und Philologenpedanterie verdirbt noch lange nicht den Charakter! Nichts übt so das Auge und die Beobachtungskunst, als das Insektensammeln; noch heute sehe ich jeden Eichenspinner an der Eiche, jeden Weidenbohrer an der Weide, wo tausende vorüberlaufen, habe noch immer meine Freude an jedem Quadratfuß Wald- und Wiesenboden mit allem, was darauf keimt und wächst und kreucht und fleucht, und bin außerdem der Meinung, daß, wenn ich auf Spaziergängen hundert kleine Freuden habe, wenn ich an Menschen, Gesichtern, Kleidern, Manieren fortwährend stillvergnügt Beobachtungen mache, wenn ich schöne Bilder ganz anders anzusehen glaube als viele andre, auch das im lekten Grunde aus jener eifrigen Sammelzeit herrühre. Ob bloße Botanik ebenso lehrreich sei, wage ich nicht zu ent= scheiden; jedenfalls tummelt man sich bei der Insektenjagd freier umher und gewinnt dabei ganz von selber auch ein Verhältnis zur Pflanzenwelt. Dann aber in den Ferien hinaus auf weitere Ausflüge! In die Mark (wobei Fon

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tanes Wanderungen zu lesen wären), in das herrliche Land der Buchenwälder und Seen, nach Mecklenburg, in die vielbespöttelte und doch so wunderbar stimmungsvolle Lüneburger Heide! Freilich, nicht allen wirds so wohl, mit der Ebene und den leichtwelligen Hügelgegenden beginnen zu können. Und doch ist hier, gerade hier das Land der höchsten Poesie, von hier aus begleitet sie uns am treuesten auf dem ganzen Lebenswege. Wie wären sonst gerade die Schleswig-Holsteiner Storm, Groth, Jensen so große Landschaftspoeten geworden, was hätte Ruysdael und Everdingen die tiefe landschaftliche Empfindung gegeben? Böcklins schönstes landschaftliches Stimmungsbild ist kein Bravourstück der schweizerischen Alpennatur, sondern das „Schweigen im Walde.„ Auf der Heide, im dämmernden Hochwald, am braunen Moor, da lenken keine prunkhaften Eindrücke von tiefern Stimmungen ab, da umweben schon den Knaben Tagessonnenschein und Abendschwermut mit unauslöschlicher Poesie, da führen Naturlaute, wie Waldesrauschen und Frühlingswind, Unken im Moor und Hundegebell aus fernen Gehöften seine Phantasie weit davon, und da lernt er in den empfänglichsten Jahren mit jener Sehnsucht empfinden, die ihn dann durch all sein Leben geleitet, und die nichts andres als eben die blaue Blume ist. Sie geleitet ihn auch noch, wenn ihn der Schauensdurst dann in die weniger heimliche Schönheit von Berg und Thal führt, daß er auch dort immer noch schöneres sieht, als der bloße Bewundrer der Kontraste und des Höhenprofils: das goldne Licht, womit die Sonne das Grün bergauf bergab durchflutet, die Farbenharmonien verdämmernder Ferne, den Zauber sonnendurchglühter (schattenloser, sagt der andre) Matten, die Großartigkeit wallender, kämpfender Nebel. Wie freute ich mich, als ich in Jensens „Schwarzwald“ wiederfand, womit ich mich so oft im Gegensatz zu aller Welt befunden hatte! Gewiß ist es auch schön in dem dunkeln Dickicht gewaltiger Bergtannen mit ihrem würzigen Dust, aber tausendmal schöner als diese von Luftkurorten mit städtischen Sommerfrischlern um ihren besten Reiz gebrachten Waldeinsamkeiten ist doch der hohe südliche Schwarzwald, wo der Baumwuchs schwindet, wo sich die freie Halde mit ihrem sonnenheißen Kleide von Preißelbeere und Heidekraut dehnt, wo in der leichten Luft, im Fächeln des Bergwinds die Brust erst völlig aufgeht, und der Blick zu den krystallnen Zacken und Gletschern der Alpen und über das Silberband des Rheins hinweg zu dem duftumhüllten Mauerkamm der Vogesen schweist. Auch in Thüringen war mir immer das schönste der Marsch den uralten hohen Rennstieg entlang mit seinem weiten Ausblick über Thüringer- und Frankenland, mit seiner Waldeinsamkeit und seiner Jahrhunderte auslöschenden historischen Stimmung; selbst in Heidelberg war es der Blick über die Ebne, die weiten, glänzenden Schlingen des Neckars hinab, und darüber weg, dorthin, wo am silbernen Rhein der Dom von Speier die Erinnerung an die einstige Städteherrlichkeit weckt, und weiter hinüber zu den zackigen Bergen der Haardt, die das dunstige Licht des Tages

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verhüllt, die sich aber unter der sinkenden Sonne in sattem Blau entschleiern. Kurz, immer die Weite, nicht die Enge des Gebirgs ist es, was dauernd erfreut. Die Freude an der Rheinebne und ihrer Schönheit haben wir in Baden und an der hessischen Bergstraße bei Eingebornen nirgends äußern, auch kaum zugeben hören und niemals Verständnis für die Sehnsucht gefunden, die über das weite Land dahin der scheidenden Sonne nach nach Westen zieht. Der Strom und die Ufer des Oberrheins von Basel bis Mainz ſind terra incognita und werden geradezu als öde bezeichnet, vielleicht vermag nur der Niederdeutsche, der auch hier an die Poesie der geheimnisvollen Waldbäche und libellenumschwirrten Wiesenflußuser seiner Heimat zurückdenkt, ihnen eine gewisse Stimmung zu entlocken. So erwecken sie denn auch kein besondres Interesse für die Ebene zwischen Schwarzwald und Vogesen, Odenwald und Haardt. Überhaupt sind die scheinbar reicher von der Natur bedachten Gegenden in manchem, was zu dem schönsten gehört, gar arm: die schwirrende Menge der Schmetterlinge über Wiese und Kleefeld und am Waldesrand, das possirliche Durcheinander von tausenderlei Wassergetier in Seen und Bächen, die Mannichfaltigkeit der Vogelstimmen in Wald und Busch sind viel mehr Niederdeutschland als den Gegenden der deutschen Mittelgebirge und Hochebnen eigen.

Drum nochmals: zuerst in die Ebne mit den Jungen! Laßt sie sich das schöne nur suchen, sie finden es schon in jenen eigentümlichen drangerfüllten Jahren. Und viel herrlicher noch schwebt ihnen dann das noch Unbekannte vor: Gebirge, Burgen, historische Städte. Laßt sie sich immer das eindrucksvollere aufheben, laßt sie nicht springen und fliegen, sondern schreiten. Den ersten Touren in der Heimat mögen dann, je nach der Erreichbarkeit, Ausflüge folgen nach Rügen, nach den westfälischen Waldgebirgen, an den Rhein, in den Harz und den Thüringerwald, in die sächsische oder die fränkische Schweiz, in die rauhe Alp und an den Bodensee, in den Schwarzwald und in die Vogesen; den Odenwald, die Pfälzer Haardt, die Rhön und die Eifel nicht zu vergessen. Schön ists überall, das Sehenkönnen, das Stimmungfinden, das Gegendverstehen soll es ja thun, das ist es, was wir erwecken und bewahren helfen möchten. Daneben her mögen dann die Städte gehen. Die von historischer Berühmtheit brauchen wir nicht erst anzupreisen: wir denken da an Augsburg, Würzburg, Bamberg, Rothenburg, Nürnberg und Regensburg, an Prag, in den rheinischen Landen an Straßburg, Speier und Worms, Aachen und Köln, an Limburg und Marburg, an Goslar, Braunschweig und Hildesheim, oder Lübeck, Rostock, Stralsund und wer dahin kommt Danzig. Dagegen auf ein paar wahre Perlen alten Städtetums möchten wir doch nachdrücklich aufmerksam machen, wir meinen die Städtchen am östlichen Vogesenfuße, insbesondre Rappoltsweiler, Kaysersberg, Reichenweier, dann die am württembergischen Neckar von Besigheim bis Rottweil hinauf, ferner Überlingen, ferner fast all die alten kleinen Städte in den althairischen und den bairisch

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gewordnen ehemaligen Stiftslanden, namentlich die in den Gegenden der fränkischen Saale, ferner das thüringische Saalfeld, und vor allen Soest, die einst so mächtige Stadt, die jekt viel zu klein in ihrer alten Umwallung und Befestigung liegt, sodaß diese jezt auch Wiesen und große Gärten mit umschließt. Dann noch eine Gruppe, die aber erst später daran kommen sollte, die Städte der romanischen Schweiz von Freiburg und Yverdon bis an den Genfer See hinab, bis zu dem ragenden, prächtigen Lausanne.

Dann erst, wenn der junge Mann sein Deutschland kennt und die verschiedne Art und Sprache der Bewohner in Nord und Süd, dann gebe man ihm, dem für das Neue und seine logische Verwertung nun reif gewordnen, die Schweiz frei, wo er dann auch, wenn es angeht, den Jura nicht vernachlässigen möge, mit seiner eigentümlichen Flora, mit seinem wunderbaren Münsterthal (Val de Moutier) und dem Blick vom Weißenstein über das uralte Solothurn hinweg auf Ebne, Flüsse, Seen und Alpen, lasse ihn die verschiednen Eidgenossen kennen lernen, die halb verwelschten Mäglins und Fräßlis zu Basel, die stattlichen Berner, die respektabeln Bürger in der altberühmten Stadt Zwinglis, Lavaters, Gottfried Kellers und C. F. Meyers, und die Nachfahren des berühmtesten aller deutschen Klöster, St. Gallens; lasse ihn die Spitzen der Hochalpen erklimmen und die Augen weiden an den erhabnen Fernſichten, deren Großartigkeit ihn nun nicht mehr verwirren und für stillere Schönheit unempfänglich machen, sondern wirklich und ohne Schaden reicher machen wird. Oder statt der Schweiz Tirol und das Salzburgerland. Dann erst lasse man ihn in das volle anderssprachige Ausland, nach Genf und Savoyen, nach Paris ziehen, das dem durchgebildeten und den nötigen Halt besitzenden jungen Manne so viel herrliches bietet, wo ihn draußen an der Seine oder auf den Höhen zwischen St. Cloud und Versailles auch die Erinnerung an deutsche Landschaft anheimeln wird, und endlich lasse man ihn in das Wunderland Italien und in das Land der Troubadoure, in die Thäler der Provence pilgern. Denn wer in Deutschland auf mannichfacher Wanderfahrt gelernt hat, sich in andrer Leute und Länder Art zu schicken, statt ungeschickt und unbildsam aufzufallen und anzustoßen, der wird auch heute noch unbehelligt durch die Provinzen Frankreichs wandern, obwohl diese ja den Deutschen weit weniger gewohnt sind, als Paris selber, und die Leute dort etwas mißtrauischer sind. Und ebenso wird er nun auch in Italien nicht mehr mit der einzigen rohen Unterscheidung von deutsch und italienisch dastehen, nicht mehr zwischen Verwundern und Nörgeln hin- und herschwanken, sondern die Leute richtig nehmen, alte, neuere und moderne Sehenswürdigkeiten klassifiziren und in ihrem Wert abschäßen, auch von der italienischen Natur nicht enttäuscht sein, sondern das charakteristische herausfinden und verstehen und die italienische Berglandschaft nach dem deutschen Waldgebirge in ihrer feinern Plastik und Farbenstimmung zu würdigen wissen

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Endlich noch ein Wort über Museen und Bilder. Kein Mensch wird behaupten wollen, in Berlin, Dresden, München verstünden die kleinen Leute mehr von Kunst als anderswo in Deutschland. Und doch haben diese die schönsten Galerien in ihren Städten stehen und laufen Sonntags auch drin herum, freilich mit sonderbar bedrückten Gesichtern; denn die Menge des Gebotnen hilft zunächst gar nichts, ja sie ist für den Beginn geradezu schädlich. Nein, in das Verständnis dringt man viel eher ein, wenn einem die Sehnsucht, der Hunger zu sehen, dazu hilft, wenn man damit anfangen muß, an ein paar Photographien oder Stichen und vielleicht ein paar vereinzelten Bildern zweiten und dritten Ranges zu studiren, und wenn dann erst, nach der Entbehrung, den entzückten Augen sich die erhabnen Meisterwerke der Kunst nach und nach enthüllen; dann wird dem langen Bemühen und Sehnen auch das Verständnis zum Lohne. Wir meinen hier natürlich die große italienische und daneben die ältere deutsche Kunst. Mit den Niederländern kann sich schon der Gymnasiast befreunden, bald auch mit den Flandrern, er kann auch schon den Abscheu vor Rubens verlieren; er wird gerade bei den Niederländern am ehesten davon abkommen, in allem nur schwer meßbare Stufen in der Erreichung einunddesselben Ideals zu sehen, wie das der Schüler so gern thut, vielmehr hier am sichersten merken, was der Maler gewollt hat, und daß nicht aller Maler Ziele gleich waren. Und so werden ihm Niederländer und Vlamen eine gute Vorschule für die Italiener sein. Und wenn man für deren Bekanntschaft einen Fingerzeig geben darf, so wären wir bei dem Eindringen in die italienische Renaissance für die Methode des „Geschichtsunterrichts von hinten,„ nur dürften die Führer keine Kadettenlehrer sein. Mit Cimabue und Giotto als Anfangsgründen und Guido Reni und Domenichino als Endpunkten des Verständnisses ist es nichts; nein, man fange mit den Thumännern des siebzehnten Jahrhunderts an, und wenn es Albani wäre, und dann über Veronese und Tizian aufwärts zu Raffaels Größe und Lieblichkeit und dann zu Lionardo, jekt auch zu Michelangelo und Signorelli, zu Mantegna, und so immer weiter zurück; und ebenso in der Skulptur. Wenn man mit Rossellino und Verrocchio oder mit der Brancaccikapelle gut Freund geworden ist, dann findet sich das Wiederabwärtssteigen, das Verständnis der „geschichtlichen Kunstentwicklung“ ganz von selber dazu. Dem, der so weit ist, gehen dann auch in alter deutscher und in altvlämischer oder, wie man sie nennen sollte, burgundischer Kunst Genüsse auf, die den meisten zeitlebens verschlossen bleiben. Wir fänden also einen Reiseplan für Kunst und Museen wie den folgenden gar nicht schlecht: zuerst studieren nach Springers Textbuch und daneben nach den dazu gehörigen Bilderbogen oder, wenn mans haben kann, nach Photographien; nach Dohmes Kunst und Künstlern, und zumal nach Burckhardt, oder wenns auf die mangelnde Befriedigung, auf den verbleibenden Hunger ankommen soll, nur immerzu nach Lübke. Dann mache man

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sich auf in kleine tüchtige Galerien nach Art der Schweriner oder der Karlsruher, dann nach Braunschweig, nach Kassel, dann in die von Berlin und Dresden, in die alte Pinakothek und den Louvre, und nun erst mögen Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Venedig folgen und die kleinern Sammlungen Italiens, wo der Besucher nun förmlich schwelgen wird in den Freuden des Entdeckers, nun in die Kirchen, und schließlich in Deutschland noch einmal überall hin, jekt zu den Meistern, und vor allem auf die große Wallfahrt nach Kolmar und Köln.

Bei unsern Studenten, die von einer süddeutschen Universität im Angust nach dem Norden heimkehren, ist jekt eine ganze Badetour Mode geworden, etwa: Wiesbaden, Homburg, Ems u. s. w. Das finden wir recht überflüssig. Nebenbei einmal in eins davon hineinsehen, das genügt doch vollständig. Und da raten wir, wenns sich gerade bequem macht, immer noch am meisten zu Baden-Baden; dort hat man alles beisammen, schöne Anlagen, Eleganz, Luxus, internationales Treiben, und doch nicht bloß die Öde davon, sondern zugleich die herrlichste Natur, den prächtigen Blick vom alten Schloß und der ragenden Burg Alteberstein, wilde Felspartien und träumenden Tannenforst, und in der lieblichen Gartenstadt selbst, wo es immer noch möglich ist, sich behaglich und billig einzurichten, an warmen, blütenduftenden Frühlingsund Sommerabenden die wunderbare festliche Ruhestimmung, die durch Hölderlins „Nacht„ klingt:

Aber das Saitenspiel tönt fern ans Gärten; vielleicht daß 
Dort ein Liebender spielt, oder ein einsamer Mann 
Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen, 
Immerquillend und frisch, rauschen am duftenden Beet, 
Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken, 
Und der Stunden gedenk, rufet ein Wächter die Zahl. 
Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf. 
Sieh! und das Ebenbild unserer Erde, der Mond, 
Kommet geheim nun auch, die Schwärmerische, die Nacht, kommt; 
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns 
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen, 
Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf. 

Aber die schönste Jahreszeit ist es doch, wann der Frühling auf die Berge steigt! Höchstens Heidelberg und der Rheingau kommen diesem Frühling Baden- Badens gleich. Überhaupt, wie viel schöner ist es, das Erwachen der Natur von dem ersten Schwellen der Blattknospen und von dem ersten taumelnden Citronenfalter an Tag für Tag mitzuleben, als, wie es jekt Mode ist, im März und April nach Italien zu gehen. Schön ist es dort ja auch, aber doch kein rechter Frühling.

Frühling am Rhein, August an der See, September im Gebirge, Oktober in Italien, das wäre unser Programm. Aber wer kanns? Der Leser meint ohnedies am Ende, wir müßten ein rechtes Tagediebleben geführt haben, wenn

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wir so viel Zeit für ein „intensives“ Kennenlernen Deutschlands gehabt haben, daß wir uns getrauen, zwischen der Westgrenze und dem mitteleuropäischen Zeitmeridian irgendwo vom Himmel zu fallen und sofort zu wissen, wo wir uns befinden.

Vielleicht dürfen wir dem Leser gelegentlich einmal etwas von der Technik und Ökonomie unsrer bescheidnen und doch so herrlichen Wanderfahrten erzählen. Stangensche Packetreisen und Gesellschaftsfahrten mit der Augusta Viktoria oder Kapitän Bade sind freilich nicht dabei .

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