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wiki:1985_sudan

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 ====== Durch die Libysche Wüste mit einem Faun ====== ====== Durch die Libysche Wüste mit einem Faun ======
-Norbert Lüdtke (1985)+ 
 +[[wiki:luedtke_norbert|Norbert Lüdtke]] (1985)
  
 Das ganze Jahr über hatte ich Reisepläne entworfen, Details geplant: Nach Schwarzafrika sollte es gehen, ohne Frage. Auch die Wüste wollte ich erleben, intensiv und tagelang, und den Dschungel kennenlernen. Die arabischen Länder dagegen lagen mir fern, ihr Lebensstil war mir zu laut, zu schrill. Eine Route durch Tunesien, Algerien, Niger zur westafrikanischen Küste war ausgearbeitet, einschlägige Literatur gelesen, erfahrene Freunde befragt und die Fährverbindungen über das Mittelmeer ausgekundschaftet, als ich von dem Plan eines Bekannten hörte, mit einem geländetauglichen Lkw die Libysche Wüste zu durchqueren und durch Ägypten, den Sudan, Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi, Tanzania, Sambia und Zimbabwe bis nach Kapstadt zu gelangen. Das ganze Jahr über hatte ich Reisepläne entworfen, Details geplant: Nach Schwarzafrika sollte es gehen, ohne Frage. Auch die Wüste wollte ich erleben, intensiv und tagelang, und den Dschungel kennenlernen. Die arabischen Länder dagegen lagen mir fern, ihr Lebensstil war mir zu laut, zu schrill. Eine Route durch Tunesien, Algerien, Niger zur westafrikanischen Küste war ausgearbeitet, einschlägige Literatur gelesen, erfahrene Freunde befragt und die Fährverbindungen über das Mittelmeer ausgekundschaftet, als ich von dem Plan eines Bekannten hörte, mit einem geländetauglichen Lkw die Libysche Wüste zu durchqueren und durch Ägypten, den Sudan, Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi, Tanzania, Sambia und Zimbabwe bis nach Kapstadt zu gelangen.
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 Die Spuren der alten Reisenden zeigen auch heute noch den Pistenverlauf an: Zahllose, von der Sonne gebleichte Kamelgerippe, in den Sand gesteckte Holzpflöcke, Steinhaufen und seit einigen Jahrzehnten auch Öltonnen, manche davon aus dem Krieg. Verläßt man aber die Piste und zieht tiefer in die Libysche Wüste auf den Dschebel Uweinat zu, dem umstrittenen Drei-LänderEck zwischen Ägypten, Libyen und dem Sudan, so begibt man sich in die letzte völlige Einsamkeit der Sahara. Die Spuren der alten Reisenden zeigen auch heute noch den Pistenverlauf an: Zahllose, von der Sonne gebleichte Kamelgerippe, in den Sand gesteckte Holzpflöcke, Steinhaufen und seit einigen Jahrzehnten auch Öltonnen, manche davon aus dem Krieg. Verläßt man aber die Piste und zieht tiefer in die Libysche Wüste auf den Dschebel Uweinat zu, dem umstrittenen Drei-LänderEck zwischen Ägypten, Libyen und dem Sudan, so begibt man sich in die letzte völlige Einsamkeit der Sahara.
  
-In den Zwanziger und Dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gelangten erstmals Expeditionen hierher: 1925 ''Prinz Kemal ei Din Hussein'' mit Citroen-Kettenfahrzeugen oder [[wiki:Almásy|Ladislaus E. Almásy]] auf der Suche nach der Oase //Zarzura//. Reifenspuren bleiben jahrzehntelang erhalten, alte Fässer und Kisten fanden wir, manchmal Papierfetzen an ehemaligen Lagerfeuern. Seit Jahren, Jahrzehnten unberührt liegende Wein- und Whiskyflaschen sind von Sand und Wind blind geworden, Metallstücke aber blank poliert, rosten nie.+In den Zwanziger und Dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts gelangten erstmals Expeditionen hierher: 1925 ''Prinz Kemal ei Din Hussein'' mit Citroen-Kettenfahrzeugen oder [[wiki:almasy_ladislaus|Ladislaus E. Almásy]] auf der Suche nach der Oase //Zarzura//. Reifenspuren bleiben jahrzehntelang erhalten, alte Fässer und Kisten fanden wir, manchmal Papierfetzen an ehemaligen Lagerfeuern. Seit Jahren, Jahrzehnten unberührt liegende Wein- und Whiskyflaschen sind von Sand und Wind blind geworden, Metallstücke aber blank poliert, rosten nie.
  
 Selbst genügsame Tiere: Schlangen, Skorpione, Käfer … sind in diesem Teil der Sahara selten, hin und wieder sahen wir ihre Spuren im Sand; größere Tiere bekamen wir niemals zu sehen. Nicht einmal trockenes Gras fanden wir. Wasservorkommen beschränken sich auf wenige Brunnen, die meist als Militärstützpunkte dienen. Im Winter aber ist es in dieser Wüste erheblich kühler als in anderen Jahreszeiten, die Hitze weicht tagsüber angenehmen Temperaturen, nachts wird es bitter kalt. Der Wasserbedarf eines Menschen sinkt auf unter fünf Liter täglich, im Sommer kann er auf 10 bis 20 Liter steigen! Der stetig wehende Wind bringt tagsüber angenehme Kühle, doch Sand in die Mahlzeiten und in den Kaffee - nichts geht hier ohne Sand und Wind. Selbst genügsame Tiere: Schlangen, Skorpione, Käfer … sind in diesem Teil der Sahara selten, hin und wieder sahen wir ihre Spuren im Sand; größere Tiere bekamen wir niemals zu sehen. Nicht einmal trockenes Gras fanden wir. Wasservorkommen beschränken sich auf wenige Brunnen, die meist als Militärstützpunkte dienen. Im Winter aber ist es in dieser Wüste erheblich kühler als in anderen Jahreszeiten, die Hitze weicht tagsüber angenehmen Temperaturen, nachts wird es bitter kalt. Der Wasserbedarf eines Menschen sinkt auf unter fünf Liter täglich, im Sommer kann er auf 10 bis 20 Liter steigen! Der stetig wehende Wind bringt tagsüber angenehme Kühle, doch Sand in die Mahlzeiten und in den Kaffee - nichts geht hier ohne Sand und Wind.
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 Montag, der zweite Januar: Allen Berechnungen zufolge muß heute der Nil in Sicht kommen. Der Ost-Anteil unserer Route wird stärker, wir schaffen sogar 100 Kilometer, dennoch keine Anzeichen des Flusses. Galgenhumor schlägt in vielen Gespräche durch und wir übernachten in einer passenden Gegend: Aus einem Gebiet mit runden Hügelkuppen, die an stark miniaturisierte Vulkane erinnerten, kamen wir zwischen schlanke, spitze Hügel aus schwarzem Gestein, die Landschaftsformation erinnert an Ausschwemmungen durch abfließendes Wasser. Montag, der zweite Januar: Allen Berechnungen zufolge muß heute der Nil in Sicht kommen. Der Ost-Anteil unserer Route wird stärker, wir schaffen sogar 100 Kilometer, dennoch keine Anzeichen des Flusses. Galgenhumor schlägt in vielen Gespräche durch und wir übernachten in einer passenden Gegend: Aus einem Gebiet mit runden Hügelkuppen, die an stark miniaturisierte Vulkane erinnerten, kamen wir zwischen schlanke, spitze Hügel aus schwarzem Gestein, die Landschaftsformation erinnert an Ausschwemmungen durch abfließendes Wasser.
  
-Dienstag. Aus dem Galgenhumor wird Panikstimmung, nachmittags fahren wir direkt Richtung Ost. 111 Kilometer und immer noch kein Fluß. An jedem Hügel wird Halt gemacht, Angst in Aktion umgesetzt und von der Hügelkuppe Ausschau gehalten. Beim Abstieg von einem dieser schwarzen Hügel bei Kilometer 50 findet Werner zwischen dem Geröll unter einem Felsvorsprung ein menschliches Skelett mit einem Fetzen Tuch, daneben einen [[wiki:stab|Stab]] und das Gerippe einer sehr kleinen Schlange. Schon bei der ersten Berührung fällt der Schädel auseinander. Mir wird die Gegend unheimlich, die Stille wirkt zunehmend bedrohlich, und ich gäbe was drum, diesem ständigen Wind nur eine Stunde entkommen zu können. Manchmal habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich muß hier weg.+Dienstag. Aus dem Galgenhumor wird Panikstimmung, nachmittags fahren wir direkt Richtung Ost. 111 Kilometer und immer noch kein Fluß. An jedem Hügel wird Halt gemacht, Angst in Aktion umgesetzt und von der Hügelkuppe Ausschau gehalten. Beim Abstieg von einem dieser schwarzen Hügel bei Kilometer 50 findet Werner zwischen dem Geröll unter einem Felsvorsprung ein menschliches Skelett mit einem Fetzen Tuch, daneben einen [[wiki:stock_und_stab|Stab]] und das Gerippe einer sehr kleinen Schlange. Schon bei der ersten Berührung fällt der Schädel auseinander. Mir wird die Gegend unheimlich, die Stille wirkt zunehmend bedrohlich, und ich gäbe was drum, diesem ständigen Wind nur eine Stunde entkommen zu können. Manchmal habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich muß hier weg.
  
 Pro Kopf haben wir noch 20 Liter Wasser, gewaschen hat sich schon seit Tagen niemand mehr, allmählich trinke ich meine Rationen bewußter. Zähneputzen ist Luxus. Beim Tanken wechseln wir uns ab. Da die Pumpe defekt ist muß der Diesel über einen Schlauch mit dem Mund angesaugt werden. Der Dieselgeschmack bleibt tagelang im Mund, einige Tropfen geraten immer bis in den Magen und melden sich noch lange. Irgendwer hat einmal nach dem Tanken das Faß nicht verschlossen, seither schmecken auch die Kartoffeln nach Diesel. Wurst, Käse, Marmelade, Zucker. Fett, Kaffee werden in zwei Tagen alle sein, aber Mehl und Kartoffelpüree reichen noch Wochen, verhungern werden wir nicht. Pro Kopf haben wir noch 20 Liter Wasser, gewaschen hat sich schon seit Tagen niemand mehr, allmählich trinke ich meine Rationen bewußter. Zähneputzen ist Luxus. Beim Tanken wechseln wir uns ab. Da die Pumpe defekt ist muß der Diesel über einen Schlauch mit dem Mund angesaugt werden. Der Dieselgeschmack bleibt tagelang im Mund, einige Tropfen geraten immer bis in den Magen und melden sich noch lange. Irgendwer hat einmal nach dem Tanken das Faß nicht verschlossen, seither schmecken auch die Kartoffeln nach Diesel. Wurst, Käse, Marmelade, Zucker. Fett, Kaffee werden in zwei Tagen alle sein, aber Mehl und Kartoffelpüree reichen noch Wochen, verhungern werden wir nicht.
wiki/1985_sudan.1685113705.txt.gz · Zuletzt geändert: 2023/05/26 15:08 von norbert

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