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wiki:reiselust

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wiki:reiselust [2025/03/25 11:35] norbertwiki:reiselust [2025/03/29 06:34] (aktuell) norbert
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 ====== Reiselust ====== ====== Reiselust ======
  
-Dass Reiselust von zwei Seiten betrachtet werden kann als Lust zum Reisen und als Lust, die das Reisen gewährt, findet sich im [[wiki:unterwegs_im_18._jahrhundert|18. Jahrhundert]] ((''Johann Christoph Adelung''\\ ////Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart////\\ 1793, S. 1063: //»... die Lust d. i. sinnliche Verlangen, zu reisen. Reiselust haben. Ingleichen, das Reisen als eine Lust, sinnliches Vergnügen betrachtet.«//)) +Seit dem [[wiki:unterwegs_im_18._jahrhundert|18. Jahrhundert]] ((''Johann Christoph Adelung''\\ //Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart//\\ 1793, S. 1063: //»... die Lust d. i. sinnliche Verlangen, zu reisen. Reiselust haben. Ingleichen, das Reisen als eine Lust, sinnliches Vergnügen betrachtet.«//)) versteht man unter Reiselust sowohl die //Lust zum Reisen// als auch die //Lust, die das Reisen gewährt// im Sinne von Vergnügen (→ [[wiki:reisefieber|Reisefieber]]).
  
-Der früheste gedruckte Beleg erscheint **1629** in einem Gedicht von ''Ludwig Achim Freiherr von Arnim'':\\ //Eine **bange Reiselust**\\ Weht in Frühlingstagen\\ Füllt mit Wehmut unsre Brust\\ Will zum Himmel tragen// ((Werke (Reinhold Steig) Band 3, S. 452 ))\\ und verweist auf die ambivalente Empfindung von Lust und Wehmut.\\ Den Zusammenhang mit dem Tod zeigt **1643** auch ein Vers unter einem Holzschnitt mit dem Totenmann neben einem Sarg ((''Franz Julius von Knesebeck'': //Dreiständige Sinnbilder// ... Braunschweig 1643, [[https://www.google.de/books/edition/Dreistandige_Sinnbilder_etc/IJBQAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=reiselust%20%20-gaudy&pg=PA34&printsec=frontcover|Online]])):\\ +Dass Lust ohne Verlust nicht zu haben ist, wusste man jedoch noch im [[wiki:unterwegs_im_17._jahrhundert|17. Jahrhundert]]. Der früheste gedruckte Beleg erscheint **1629** in einem Gedicht von ''Ludwig Achim Freiherr von Arnim'':\\ //Eine **bange Reiselust**\\ Weht in Frühlingstagen\\ Füllt mit Wehmut unsre Brust\\ Will zum Himmel tragen// ((Werke (Reinhold Steig) Band 3, S. 452 ))\\ und verweist auf die ambivalente Empfindung von Lust und Wehmut. 
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 +**1643** lässt eine Allegorie mit dem Totenmann neben einem Sarg sitzend ((''Franz Julius von Knesebeck'': //Dreiständige Sinnbilder// ... Braunschweig 1643, [[https://www.google.de/books/edition/Dreistandige_Sinnbilder_etc/IJBQAAAAcAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=reiselust%20%20-gaudy&pg=PA34&printsec=frontcover|Online]])), den Toten sprechen:\\ 
 //Wo ich geboren bin bei meiner ersten wiegen\\ Bleib ich stets sorgenlos mein leben über liegen \\ Veraltend nur daheim was soll ich lauffen aus \\ Die welt und **reiselust** find ich in meinem haus//  //Wo ich geboren bin bei meiner ersten wiegen\\ Bleib ich stets sorgenlos mein leben über liegen \\ Veraltend nur daheim was soll ich lauffen aus \\ Die welt und **reiselust** find ich in meinem haus// 
  
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 Es dauert mehr als ein Jahrhundert bis die Reiselust profan, empfindsam und romantisch aufgefasst wurde:\\  Es dauert mehr als ein Jahrhundert bis die Reiselust profan, empfindsam und romantisch aufgefasst wurde:\\ 
-**1804** //»Wir haben viele Werke über Amerika, in denen Reisende uns ihre vorübergehenden, Kaufleute ihre merkantilischen, **Reiselustige ihre empfindsamen**, Ansichten alle mehr oder weniger nach einem egoistischen Maaßstabe oder nach flüchtigen Eindrücken mitgetheilt haben. Hier tritt ein von Jugend an durch vielseitiges Reisen in entfernte Erdgegenden zur Beobachtung geschärfter, durch Erfahrung erprobter und durch den Umgang mit vielen Völkern und Menschen fast entnationalisirter Weltbürger auf und liefert genaue vollständige Beschreibung. «// ((Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung 1804, S. 607)) +**1804** //»Wir haben viele Werke über Amerika, in denen Reisende uns ihre vorübergehenden, Kaufleute ihre merkantilischen, **Reiselustige ihre empfindsamen**, Ansichten alle mehr oder weniger nach einem egoistischen Maaßstabe oder nach flüchtigen Eindrücken mitgetheilt haben. Hier tritt ein von Jugend an durch vielseitiges Reisen in entfernte Erdgegenden zur Beobachtung geschärfter, durch Erfahrung erprobter und durch den Umgang mit vielen Völkern und Menschen fast entnationalisirter [[wiki:weltbuerger|Weltbürger]] auf und liefert genaue vollständige Beschreibung. «// ((Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung 1804, S. 607))
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-**1809**: Die Reiselust als »die Lust, das Verlangen zu reisen, Reise zu thun; 2 Die Reise als eine Lust betrachtet wie auch eine Lust, ein Vergnügen, welches man auf der Reise genießt. ... Reiselust habend und an Tag legend. Immer reiselustig sein. (( ''Joachim Heinrich Campe'': //Wörterbuch der deutschen sprache// Band 3, S. 807))+
  
 +**1809**: Die **Reiselust** als //»die Lust, das Verlangen zu reisen, Reise zu thun; 2 Die Reise als eine Lust betrachtet wie auch eine Lust, ein Vergnügen, welches man auf der Reise genießt. ... Reiselust habend und an Tag legend. Immer reiselustig sein»//. (( ''Joachim Heinrich Campe'': //Wörterbuch der deutschen sprache// Band 3, S. 807))
  
-**1839** //»Die Reiselust wird dem Menschen angeboren, er erwirbt sie nicht erst. Sie steigert sich mit der Zeit, wird durch Hindernisse befestigt und endlich eine Leidenschaft. Dann kann man ihr allerdings einige schlimme Seiten, einen unruhigen Cosmopolitismus, eine Vorliebe für das Wunderbare, vorwerfen, aber gerade diese machen sie auch zu einer der großartigsten nüzlichsten Leidenschaften, welche man kennt. +**1839** //»Die **Reiselust** wird dem Menschen angeboren, er erwirbt sie nicht erst. Sie steigert sich mit der Zeit, wird durch Hindernisse befestigt und endlich eine Leidenschaft. Dann kann man ihr allerdings einige schlimme Seiten, einen unruhigen Cosmopolitismus, eine Vorliebe für das Wunderbare, vorwerfen, aber gerade diese machen sie auch zu einer der großartigsten nüzlichsten Leidenschaften, welche man kennt. 
 Man nehme dem Menschen diesen Forschungsinstinct, dieses Bedürfniß von Bewegung, die ihn bald aus bloßer Neugierde, bald in Handelszwecken nach dem Unbekannten hin treiben, und man streicht mit einem Striche aus der Geschichte der Welt die riesenhaften Reisen, welche die Länder und Völker mit einander Verbindung brachten.\\  Man nehme dem Menschen diesen Forschungsinstinct, dieses Bedürfniß von Bewegung, die ihn bald aus bloßer Neugierde, bald in Handelszwecken nach dem Unbekannten hin treiben, und man streicht mit einem Striche aus der Geschichte der Welt die riesenhaften Reisen, welche die Länder und Völker mit einander Verbindung brachten.\\ 
 Der wandernde Marco Polo wird nicht mehr verstanden; selbst Columbus bleibt unerklärlich. „Jeder für sich zu Hause!“ ist die engherzige Devise, die dann allein herrscht. Jeder Staat muß sich verrammeln wie China und mit einer großen Mauer einschließen. Nichts vermischt, nichts verknüpft sich mehr unter einander, weder die Völkerschaften, noch die Ideen, die Sitten, die Glaubensarten und Civilisationen.\\  Der wandernde Marco Polo wird nicht mehr verstanden; selbst Columbus bleibt unerklärlich. „Jeder für sich zu Hause!“ ist die engherzige Devise, die dann allein herrscht. Jeder Staat muß sich verrammeln wie China und mit einer großen Mauer einschließen. Nichts vermischt, nichts verknüpft sich mehr unter einander, weder die Völkerschaften, noch die Ideen, die Sitten, die Glaubensarten und Civilisationen.\\ 
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 Anfangs dachte ich nur an die Schweiz und an Italien; von dem Gestade Siciliens wagte ich indeß doch auf Afrika hinüber zu blicken; das alte Numidien Cyrenaica und Aegypten.\\  Anfangs dachte ich nur an die Schweiz und an Italien; von dem Gestade Siciliens wagte ich indeß doch auf Afrika hinüber zu blicken; das alte Numidien Cyrenaica und Aegypten.\\ 
 Eine Reise nach dem alten so oft besuchten Oriente würde damals meine weitesten Wünsche befriedigt haben. In solchen Gedanken und Träumen lebte ich, als die Post mir einen Brief von einem Pariser Bankier brachte, einen in meinem prosaischen Leben poetischen Brief, einen Brief von zwanzig Zeilen deren jede tausend Thaler werth war.\\  Eine Reise nach dem alten so oft besuchten Oriente würde damals meine weitesten Wünsche befriedigt haben. In solchen Gedanken und Träumen lebte ich, als die Post mir einen Brief von einem Pariser Bankier brachte, einen in meinem prosaischen Leben poetischen Brief, einen Brief von zwanzig Zeilen deren jede tausend Thaler werth war.\\ 
-Die Theaterstücke haben noch nicht alle amerikanischen Oheime verbraucht. Auch ich hatte einen, eine wahre Vorsehung für meine Reiselust. Der Bruder meiner Mutter hatte sich jung auf Cuba niedergelassen und eine Mulattin geheirathet, war Vater mehrerer Kinder geworden und hatte glücklich und vergessen in seiner neuen Familie gelebt. Niemals hatte er geschrieben gleich als schäme er sich seiner Mißheirath. Nur eine Kiste Zucker und einige Fässer Kaffee sagten uns von Zeit zu Zeit, daß dieser Vetter noch lebe. Der Brief des Bankiers theilte mir die Nachricht mit, dass er gestorben, als Millionär gestorben sey, und dass sich in seinem Testamente als einzige Erinnerung an Europa ein Vermächtniß von 12,000 Piastern für mich befinde. Würdiger Onkel Er hatte meinen Geschmack errathen. Ich mochte hinter ihm nicht zurückbleiben. „Was aus Amerika kommt, soll nach Amerika zurückkehren,“ sagte ich zu mir. „Mein Onkel wohnte in Amerika. Ich will Amerika besuchen und von Norden nach Süden durchwandern. Amerika soll zuerst meine Reiselust befriedigen. Sein Festland, seine Inselgruppen sind nun mein. Amerika entgeht mir nicht. Ich halte es fest.\\ +Die Theaterstücke haben noch nicht alle amerikanischen Oheime verbraucht. Auch ich hatte einen, eine wahre Vorsehung für meine Reiselust. Der Bruder meiner Mutter hatte sich jung auf Cuba niedergelassen und eine Mulattin geheirathet, war Vater mehrerer Kinder geworden und hatte glücklich und vergessen in seiner neuen Familie gelebt. Niemals hatte er geschrieben gleich als schäme er sich seiner Mißheirath. Nur eine Kiste Zucker und einige Fässer Kaffee sagten uns von Zeit zu Zeit, daß dieser Vetter noch lebe. Der Brief des Bankiers theilte mir die Nachricht mit, dass er gestorben, als Millionär gestorben sey, und dass sich in seinem Testamente als einzige Erinnerung an Europa ein Vermächtniß von 12,000 Piastern für mich befinde. Würdiger Onkel Er hatte meinen Geschmack errathen. Ich mochte hinter ihm nicht zurückbleiben. „Was aus Amerika kommt, soll nach Amerika zurückkehren,“ sagte ich zu mir. „Mein Onkel wohnte in Amerika. Ich will Amerika besuchen und von Norden nach Süden durchwandern. Amerika soll zuerst meine **Reiselust** befriedigen. Sein Festland, seine Inselgruppen sind nun mein. Amerika entgeht mir nicht. Ich halte es fest.\\ 
 Und ich reiste ab.»// ((//Malerische Reise in Süd und Nordamerika.// Verfaßt von einer Gesellschaft Reisender und Gelehrter unter der Leitung des Herrn Alcide d Orbigny Deutsch von August Diezmann.\\ XVI, 320 Seiten, 67 Tafeln 2 Karten Leipzig Baumgärtners Buchhandlung 1839: Vorwort )) Und ich reiste ab.»// ((//Malerische Reise in Süd und Nordamerika.// Verfaßt von einer Gesellschaft Reisender und Gelehrter unter der Leitung des Herrn Alcide d Orbigny Deutsch von August Diezmann.\\ XVI, 320 Seiten, 67 Tafeln 2 Karten Leipzig Baumgärtners Buchhandlung 1839: Vorwort ))
wiki/reiselust.1742902541.txt.gz · Zuletzt geändert: 2025/03/25 11:35 von norbert

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