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wiki:soziotechnisches_handlungssystem

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»Unterwegs-sein« als soziotechnisches Handlungssystem

»Unterwegs-sein« lässt sich als funktionales System im Sinne von Niklas Luhmanns Allgemeiner Systemtheorie deuten. Diese stellt das rekursive Verarbeiten von Informationen in einem sich selbst organisierenden System (auch: Autopoiesis, Emergenz, SAE) in den Mittelpunkt.
»Unterwegs-sein« wäre dann ein System, dass dem Einfluss der Antagonisten sich fortbewegen von und ankommen unterliegt und dessen personale Systeme (Figuren) in einem dynamischen Verhältnis zu Gemeinschaft und Gesellschaft stehen.

  • Dabei wird der Raum mehrfach erfahren,
    • zunächst unmittelbar physisch (geographisch), dann
    • als sich verändernde Vorstellung von Welt,
    • als sich entfernen von der vertrauten Gemeinschaft und dem Begegnen mit Fremdem.
  • Voraussetzung dafür ist das Verarbeiten von Information als zielgerichtete Navigation, die unmittelbar gezielte Handlungen erlaubt.
  • Spezifische Handlungsmuster lassen sich erkennen als
  • Handlungskreise sind bestimmt durch
    • agierende personale Systeme (Figuren),
    • die sich mit Sach- und Organisationssystemen zum Erreichen ihrer Ziele koppeln und
    • dabei iterativ Handlungsschritten folgen.

Solche Handlungskreise lassen sich verstehen als »soziotechnische Systeme«, in denen zweckorientiertes menschliches Handeln mit technischen Mitteln und sozialen sowie ökonomischen Folgen und Voraussetzungen verbunden ist. 1) Günther Ropohls Systemtheorie der Technik versteht darunter: »Technik umfasst die Menge der

  • (a) nutzenorientierten, künstlichen, gegenständlichen Gebilde (Artefakte, Sachsysteme),
  • (b) menschlicher Handlungen und Einrichtungen, in denen Sachsysteme entstehen und
  • (c ) menschlicher Handlungen, in denen Sachsysteme verwendet werden.«

Unterschiedliche Formen und Konzepte des Unterwegs-Seins lassen sich als soziotechnisches Handlungssystem interpretieren und zeigen dann unterschiedliche Handlungsabläufe. Konzepte wie Gang, Fahrt, Reise oder Voyage, Safari, Reisekonzepen:
Konzepte des Unterwegs-Seins: Gang - Fahrt - Reise und andere

Handlungsabläufe des Unterwegs-seins

Das Unterwegs-sein umfasst Phasen, die aufeinander folgen und zyklisch erscheinen, wenn nur die Ortsveränderung gesehen wird. Reisende verändern jedoch sich und ihre Umgebung (Gemeinschaften und Gesellschaften) mehr oder weniger durch ihr Tun. Betrachtet man also deren Zustand, so wird aus dem Zyklus eine Spirale mit ständiger Bewegung: »Man steigt nie in denselben Fluss.« 2)
Am Anfang steht die Legitimation des Aufbruchs des Einzelnen aus der Gemeinschaft. 'Urlaub' wird gewährt, weil sich die Gemeinschaft davon einen Nutzen verspricht und sei es die Wiederherstellung der Arbeitskraft. Dagegen sind Fernweh, Reiselust, Erlebnis und ähnliches Kategorien des Einzelnen.

Der Handlungskreis des Unterwegs-Seins: Phasen

Reisebilder Absichten
1 Aufbruch
Bindungen lösen
2 Hinfahrt als
weg-von & hin-zu
3 Ankunft
⇑ Aufnahme Wendepunkt ⇓
Weltbild
Folgen
6 Heimkehr 5 Heimfahrt als
Dazwischen
4 Umkehr
Raumvorstellungen befriedeter Raum Zwischenraum Entscheidungsraum

Das Unterwegs-sein endet weder am Ziel noch bei der Heimkehr, sondern hat den Charakter eines anhaltenden Prozesses als Handlungskreis, der in allen Beteiligten nachwirkt: in der Herkunftsgesellschaft, bei den Gastgebern, bei Reisenden.
Auch sind die Phasen 4 bis 6 nicht einfach ein Spiegelbild der Phasen 1 bis 3 sondern eine Wende, sie kehren die Fahrt um, bieten eine andere Perspektive und unterscheiden sich qualitativ von der Hinfahrt. Das kann jeder erfahren, der eine unbekannte Strecke zunächst in einer Richtung und dann zurück hinter sich bringt oder sich an jenem Scheitelpunkt der Reise befindet, wo er sich für oder gegen eine Rückkehr entscheidet. Anhand der sechs Phasen werden verwandte Phänomene unterscheidbar:

  • Flucht: Freiwilliger Aufbruch und Unterwegs-sein als „fort von etwas“ .
  • Migration: Es gibt keine Umkehr.
  • Vertreibung: Erzwungener Aufbruch und Unterwegs-sein als „fort von etwas“ , keine Umkehr.
  • Verbannung: wie Vertreibung, jedoch Umkehr irgendwann möglich.
  • Heimatlosigkeit: keine Ankunft am Ziel.
  • Der ewige Wanderer: Unterwegs-sein, jedoch ohne „hin zu etwas“.

Diesem Prozess und seinen Phasen eignet eine gewisse Dauer, sonst wäre der Besuch beim Nachbarn oder der Gang zum Briefkasten eine Reise. Da das natürliche Zeitgefühl des Menschen durch den Rhythmus von Tagen geprägt ist, müsste das Unterwegs-sein mindestens sechs Tage dauern, damit jede Phase erlebt werden kann. (Die Fremdenverkehrswirtschaft definiert Reisen als mindestens fünf Tage zwischen Aufbruch und Heimkehr.)

Handlungskreis-Subsystem: Der Alltag unterwegs

1)
Günther Ropohl
Allgemeine Technologie
Eine Systemtheorie der Technik.
3. A. Karlsruhe 2009, online
2)
panta rhei (griech.), Heraklit, 540−480 BC
wiki/soziotechnisches_handlungssystem.1739174103.txt.gz · Zuletzt geändert: 2025/02/10 07:55 von norbert

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