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wiki:reisegepaeck

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Reisegepäck

Das Geheimnis der Beweglichkeit ist es, frei zu sein von jeglicher Last. Dem entgegen stehen das Bedürfnis nach Sicherheit und der Wunsch nach etwas Bequemlichkeit. Was man dafür glaubt zu brauchen, muss ins Gepäck passen. Bereits alte Reisesprichwörter verweisen auf das Gepäck als Last und Lust als Sack und Pack: »Der reist frey in alle landt, der nichts im beutel, nichts in der handt.«, aber auch: »Eines Reisenden schwerste Bürde ist ein leerer Beutel.« Ohne ein Lasttier und ohne Fahrzeug bleibt für die Last nur der eigene Rücken. Das ist uns angeboren, denn ohne aufrechten Gang (mit dem Stab als Stütze) kann der Mensch nicht tragen (mit dem Beutel als Last) und so war der *Homo sapiens seit je auch ein Homo portans, der auch seine Tragetechniken ständig optimierte und anpasste. Die ursprünglichsten Behälter waren Körbe 1) und Netze, die auf dem Kopf oder mit Bändern getragen wurden. Kombinationen aus Beutel, Sack, Stab und Rad erweiterten die Tragemöglichkeiten.

  • Pichler, Sandra
    Mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel: Wildbeutergesellschaften früher und heute.
    S. 61-64. in: Brigitte Röder, Sabine Bolliger-Schreyer, Stefan Schreyer (Hg.): Archäologie in der Schweiz. Lebensweisen in der Steinzeit. Baden 2017: Hier und jetzt

→ Zeitleiste des Reisegepäcks
→ Zeitleiste der Reisegepäckstücke
Gepäck
Reisegepäck
Träger

Kriterien zur Auswahl

Die Kataloge mit Reise-Ausrüstung umfassen mehrere hundert Seiten; Ausrüsterläden präsentieren Materialien auf mehreren tausend Quadratmetern. Doch wer sein Reisegepäck unter erschwerten Bedingungen tragen muss, benötigt keinen Ballast. Von Bergführern bekommt man zu hören: »Unter schwersten Umständen muss Dein Rucksack leer sein, weil Du alles im Einsatz hast.«

Ein Rucksack sollte nicht mehr wiegen als etwa ein Viertel des eigenen Körpergewichts - das ist schon schwer. Mehr zu tragen erfordert langes Training und eine gute Rucksackqualität. Radfahrer und Motorradfahrer müssen sich ebenso einschränken. Wer jedoch mit einem Fahrzeug reist, neigt schnell zum Immermehrismus.

Muss: Trinken, Essen (Proviant), Schlafen, Wärme und Gesundheit müssen als Grundbedürfnisse garantiert sein. In Städten und auf dem Dorf gelingt das meist mit Geld, Dokumenten und Informationen. Outdoor & Offroad wird es schwieriger - man muss alles mitnehmen. Autarkie für bestimmte Zeiträume und klimatische Besonderheiten muss geplant werden. Zudem werden die Grundbedürfnisse erweitert um Orientierung und Mobilität - beides muss gewährleistet sein oder man findet sich in einer Survival-Situation wieder.

Kann: Die gewissen Extras, etwas Luxus, bequeme Hilfsmittel, Unterhaltsames, Genussmittel - eben alles, was schön ist oder Spass macht.

»If in doubt, take it out«

  • Weglassen
    Was man unterwegs kaufen kann, muss man nicht mitnehmen.
  • Reduzieren
    Schwere Verpackungen durch leichte ersetzen, wasserhaltige Konserven durch getrocknete Lebensmittel, größere Gebinde durch kleinere und so weiter.
  • Fokussieren
    Für welches Zeitfenster sollen Verbrauchsmaterialien ausreichen? Alles was doppelt ist, aussortieren.
  • Ersetzen
    Die schwersten Ausrüstungsgegenstände durch leichtere Alternativen ersetzen.
  • Volumenoptimiert packen, z.B.
    • Kleidung in Plastikbeutel, Luft heraussaugen und dicht verschließen
    • Ranger Roll: Kleidung flach auslegen, als Rechteck falten, dann rollen
Kriterien minimalistisch maximalistisch
Belastbarkeit Leichte Kunstfaserbeutel,
-taschen, -säcke
Seesack, -kiste,
Schalenkoffer, Alu-Trolley
bekannte Hersteller Rimowa (Alu-Trolleys) seit 1898,
Samsonite (Schalenkoffer) seit 1910
Aussehen Gebrauchsspuren, Unauffälligkeit Alleinstellungsmerkmal
(Edel-/Modemarken, Vintageprodukte)
Transporthilfe Taschen und Beutel
mit Trageschlaufen
Tragegestell (Rucksäcke),
Rollen (z.B. Trolley),
bekannte Hersteller Eastpak (Trolleys) seit 1952
Volumen Bordgepäckgröße Schrankkoffer
bekannte Hersteller 1964 Moritz Mädler/Lufthansa
(Bord-Case)
Goyard seit 1792, Mädler seit 1850,
Louis Vitton seit 1854, Watajoy Clipper luggage
Gewicht Leichte Kunstfasern Canvas u. ähnliche Textilien,
Metallbeschläge, Holz, Leder
  • Stiftung Warentest
    Koffer und Reisetaschen im Test Packen, tragen, rollen – wer über­steht den Koffertest?
    24.04.2021 Online
  • Mollerup, Per
    Collapsibles: a design album of space-saving objects.
    London 2001: Thames & Hudson.

Querverweise

Literatur

Die technischen Mittel des Reisens - Tragehilfen ebenso wie Gepäck - sind uns alltäglich vor Augen und bleiben wegen ihrer Selbstverständlichkeit weitgehend unbeachtet; auch der akademische Blick schweift meist darüber hinweg. Volkskunde und europäische Ethnologie bieten kaum systematische Ansätze zu diesem Themenfeld:

  • Anonymus
    Traveling Dressing-Case
    Godey’s Lady’s Book, November 1874
  • Lale Arikoglu
    How the Rollaboard Suitcase Changed Travel Forever.
    Conde Nast Traveller 22.09.2017 Online
  • Yasmin Doosry
    Kofferwerbung: Fernweh als Geschäft.
    S. 190–198 in: in Selheim, Claudia und Großmann, G. Ulrich (Hrsg.): Reisebegleiter – mehr als nur Gepäck, Heidelberg: arthistoricum.net-ART-Books, 2019, Online
  • Olaf Goubitz
    Stepping through Time. Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800
    396 S. Zwolle 2001: SPA
  • Grau & Co.
    Mit Kamera und Reisetasche.
    Grau & Co., Leipzig, Vornehmes Versandhaus. Preisbuch für Abteilung Nr. 2. 56 S. um 1910. Inhalt u.a.:
    • Photographische und optische Artikel
      • Grau's Klapp-Kameras
      • Ernemann-Kameras
      • Schüler- und Reise-Kameras …
      • Albums für Bilder und Postkarten …
      • Thermometer, Barometer
      • Reise- und Theatergläser …
      • Große Reisekoffer
      • Anzug- und Rundreise-Koffer
      • Leder-Reisetaschen …
      • Reisekocher, Reise-Bügeleisen
      • Reiseplaids und Rucksäcke …
  • Daniel A. Gross
    Modern luggage has been constantly reinvented during its short 120-year history.
    Smithsonian Magazine May 9, 2014 Online
  • Harlan, Susan
    luggage.
    148 S. New York 2018: Bloomsbury.
  • Hyde, Kenneth F.; Karin Olesen
    Packing for Tourist Performances.
    Annals of Tourism Research 38.3 (2011) 900–919.
  • Luce, Robert
    Going Abroad? Some Advice.
    287 S. Boston 1897/1906 (4. A.): Clipping Bureau Press. Online
  • Klara Löffler
    Frauensache? Das Einpacken vor der Reise.
    In: Fraueninfo. Frauenvorlesungsverzeichnis. Hg. Vom Gleichstellungsbüro der Ruhr-Universität Bochum. Bochum 2008, S. 6-13.
  • Klara Löffler
    Im Gepäck. Phantasien und Praktiken des Kontextwechsels auf Reisen.
    S. 35–46 in: Thierry Greub et al. (Hg.): Kontextwechsel und Bedeutung. Online
  • Orvar Löfgren
    Emotional Baggage. Unpacking the Suitcase.
    S. 125–151 in: Frykman, Jonas; Povrzanovic Frykman, Maja (Hg.): Sensitive Objects. Affections and Material Culture. Lund 2016. Online
  • Andrea Mihm
    Packend … Eine Kulturgeschichte des Reisekoffers.
    128 S. Marburg 2001.
  • Schadendorf, W., & Braun-Ronsdorf, M.
    Reisen und Reisebedarf
    30 S. CIBA Basel 1962
  • Uta Schilling
    Sattel, Koffer und Gewehr. Wörter und Sachen bei den kasachischen Nomaden der Westmongolei
    198 S. Dissertation bei Claus Schönig an der Freien Universität Berlin 2013. Online S. 27, 65-66, 171 Etymologische Begriffsgeschichte zu 'čemadan' im Türkischen, Persischen und Russischen sowie dem bedeutungsverwandten sandïq 'Truhe'.
  • Joe Sharkey
    Reinventing the Suitcase by Adding the Wheel.
    New York Times 04.10.2010 Online
  • Marie Simon
    Nimm mich mit… Eine kleine Geschichte der Reisebegleiter.
    183 S. München 2005: Frederking und Thaler.
  • B. Terzan
    Bemerkungen zu dem sogenannten Rucksack des Ötztaler Mannes
    Arch. Korrbl. 24, 1994
  • Edgar Wayne
    My Valise and I.
    Godey’s Lady’s Book, January 1870
  • Leonie von Wilckens
    Die Kleidung der Pilger.
    In: Lenz Kriss-Rettenbeck, Gerda Möhler (Hg.): Wallfahrt kennt keine Grenzen, Themen zu einer Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums und des Adalbert Stifter Vereins. München 1984, S. 174–175
  • J. Wininger
    Die Bekleidung des Eismannes und die Anfänge der Weberei nördlich der Alpen
    The Man in the Ice 2. Veröff. des Forschungsinst. für Alpine Vorzeit der Universität Innsbruck 2, 1995,
1)
Der aus Rohr (canna) geflochtene Korb wurde lat. canistrum und griech. kánastron (κάναστρον) genannt und bezeichnet heute im Deutschen als Kanister einen Flüssigkeitsbehälter.
wiki/reisegepaeck.1743697756.txt.gz · Zuletzt geändert: 2025/04/03 16:29 von norbert

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