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Weltanschauung

»Die gefährlichste aller Weltanschauungen
ist die Weltanschauung der Leute, 
welche die Welt nicht angeschaut haben.« 

Dieses Bonmot von Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) basiert auf der Einsicht: Erkenntnis bedarf der Erfahrung und solche gewinnt man reisend.
Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) schlußfolgerte daraus:

»Man sollte jedem Deutschen noch fünfhundert Mark dazu geben,
damit er ins Ausland reisen kann.
Er würde sich manche Plakatanschauung abgewöhnen,
wenn er vorurteilslos genug ist, die Augen aufzumachen.«

Solche »Plakatanschauungen« heißen heute vornehm »ideologischer Bias«. Dabei wird die Welt angeschaut durch die Brille des »Was nicht sein darf, das nicht sein kann.« In Echoräumen und Filterblasen kann solche Weltanschauung funktionieren - unterwegs fällt man damit auf die Nase. Die Wirklichkeit ist unerbittlich, auch schöne Geschichten und Fake News überleben dort draußen letztlich nicht. Dass sie überhaupt funktionieren liegt daran, dass sie erstens überraschen (sie wecken das Staunen), zweitens faszinieren (weil sie schön erzählt sind, Euphemismen fördern Illusionen) und drittens subtil das Publikum in seinen Einstellungen und Glaubensrichtungen bestätigt (Einstellungs-Bias: Hab ich schon immer gewusst!).

Lob & Tadel des Reisens

Von Dichtern, Schriftstellern, Philosophen finden sich zahlreiche solcher Bonmots, die das Reisen loben. Dagegen wird es selten grundsätzlich verdammt, wie etwa von Blaise Pascal (1623-1662): »Alles Unglück des Menschen kommt daher, daß er nicht ruhig in einem Zimmer verweilen kann.« Viel häufiger sind die Warnungen vor der Ambivalenz des Reisens. Viele stimmen darin überein, dass die Disposition des Reisenden zur Reise darüber entscheidet, ob der Reisende bereichert zurückkehrt. Wer das Reisen lobt, lobt daher immer auch sich selbst und zweifelt daran, dass jeder es ihm gleich tun könne. Diese Überheblichkeit kontern Sesshafte skeptisch: »Je weiter die Geschichte fliegt, je mächtiger sie lügt« 1)

Für Laurence Sterne (1713-1768) war nur der »empfindsame« Reisende in der Lage zu reisen, nicht aber die Masse der aus »Hochmut, Neugierde, Eitelkeit …« Reisenden 2). Wie man die Welt dagegen richtig anschaut, erklärten die zahlreichen Apodemiken des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, die die richtige Weltanschauung zur »Wissenschaft« machen wollten.

Selbst reisen & sich verwirklichen

Die Einigkeit über die richtige Weltanschauung verlor sich im 19. Jahrhundert und spätestens für Herrmann Graf Keyserling (1880-1946) war die Welt nur noch Mittel zum Selbstzweck für den Einzelnen: »Was mich hinaustreibt in die weite Welt, ist eben das, was so viele ins Kloster getrieben hat: die Sehnsucht nach der Selbstverwirklichung.« 3) Das Motiv kommt bei Laurence Sterne noch nicht vor, behauptet sich aber im 20. Jahrhundert und findet erst im 21. Jahrhundert seine Grenzen.

Die Lebensreisestile des 20. Jahrhunderts durchliefen etliche Reisegenerationen, deren gemeinsames Bemühen darin bestand, Massen, Klassen und Konventionen zu überwinden. Das ist so gründlich gelungen, dass die Selbstverwirklicher heute reisen nicht um die Welt anzuschauen, sondern als Kulisse zu benutzen für Selfies: »Hier bin nur Ich«. Das Smartphone wird zum Spiegel des modernen Narziss, die Weltanschauung ist 4.096 Pixel breit. Nur Selbstanschauung ist Weltanschauung. Der Zusammenhang zwischen dem Posten von Selfies in sozialen Netzwerken (SNS) und der »dark triad« mit Narzissmus, Macchellianismus und Psychopathie ist nachgewiesen 4).

Die Sehnsucht nach dem kleinen Kreis, in dem das eigene Selbst das Zentrum darstellt, um das alles kreist, lässt sich auf der individuellen Ebene als Infantilisierung deuten 5). Dagegen bedeutet Erwachsen zu werden, dieses Zentrum mit anderen zu teilen, also Selbstlosigkeit mit Verantwortung zu paaren. Mensch zu werden bedeutet viele solcher Schritte zu gehen, wie der Dalai Lama in seiner Rede vor der UNO 1993 beschrieb, dass letztlich nämlich universelle Verantwortung und Menschenrechte zusammengehören. Nach Glück zu streben darf nicht auf Kosten anderer gehen.

Einstürzende Weltbilder

Weltlos zu sein statt selbstlos zu werden lässt sich auch im Sinne einer Reaktion auf zu viele narzisstische Kränkungen verstehen 6). Auf der Ebene der Menschheit begannen diese Kränkungen damit, dass Kopernikus 1517 erklärte, die Welt stünde nicht im Mittelpunkt des Universums. Seither werden solche Kränkungen immer persönlicher: Nein, der Mensch ist keine besondere Schöpfung, sondern mit dem Affen verwandt (Darwin 1859); Nein, der Mensch weiß nicht, was er tut (Freud 1895) und aktuell droht die Künstliche Intelligenz mit der technologischen Singularität. Weltanschauung? Soll die Welt doch mich anschauen.

Die Welt bedrängt uns mit Europa, Globalisierung, Internet, Erreichbarkeit 7) und macht sich zunehmend unbeliebt, während die Reisenden mit ihren unglaublichen Geschichten früher unterhaltsam waren:

»Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.
...
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib's beim alten«
''Johann Wolfgang Goethe'': Faust, Vor dem Tor, 1808

Wie soll man in die Welt hineinschauen?

Wie erschließt man sich die Welt und wie schaut man sie sich an? Soll man eher Flaneur sein oder lieber doch Kosmopolit? Es gibt keine allgemeinen Handlungsanleitungen mehr. Weder Wissenschaft noch Kirche noch Tradition weisen die Richtung. 1973 (London) startete der Dumont Verlag die Reiseführerreihe „Richtig Reisen“, 2010 erschien der letzte Band (Ägypten). Selbst die Reiseführer wissen nicht mehr, wie man richtig reist.

Die Erde hält gutwillig still, wenn die Reisenden über sie dahinklettern, 
und es ist ihr gleichgültig, wie man sie anschaut. 
Schilderungen sind nur für den Schilderer charakteristisch.

So zerreißt Kurt Tucholsky in »Über Naturauffassung« die Theorien des Schönen, die Erwartungshaltungen und die Beschreibungen von Reiseerfahrungen, die den Erwartungen nachhecheln: »Seit den Eisenbahnen … Seit der Erfindung des Autos… jede Generation glaubt, nun sei es mit der Gemütlichkeit und mit der Naturbewunderung für allemal vorbei.« 8)

Das, was verloren ging - die gesellschaftlichen Zwänge - findet sich bewahrt in Sprichwörtern, denn diese entstehen als bewährte Handlungsempfehlungen der Allgemeinheit 9): »Reisen wechselt das Gestirn, aber weder Kopf noch Hirn«, weiß der Volksmund in zahlreichen Varianten seit der Antike 10) und auch außerhalb Deutschlands (dänisch, italienisch, polnisch). Seit mindestens zweitausend Jahren schaut das sesshafte Volk also skeptisch auf die zurückgekehrten Vielgereisten. Während die Reisenden glauben ihr Weltverständnis vertieft zu haben, zweifelt die Gemeinschaft an deren Integrationsbereitschaft: »Viele kommen von Reisen zurück, das Gewissen beschwert, die Gesundheit verzehrt, die Sünden vermehrt, die Sitten verkehrt, das Herz bethört, ein Brocken dem Teufel beschert«. Wessen Weltanschauung setzte sich wohl letztlich durch? Und wenn schon jemand sich die Welt anschauen will, so fordert das sesshafte Volk, dass er etwas Nützliches mitbringen soll: »Wer will fern mit Nutzen raisen, der muss haben Falcken Augen, Esels Ohren, Schweinsrüssel, Eselsrücken und eines Hirschen Fuss.« Von Selbstverwirklichung unterwegs ist in den Sprichwörtern jedenfalls nicht die Rede, eher von Selbstbesinnung.

In Richtung Selbstbesinnung sucht Ilja Trojanow seine Vorbilder für richtiges Reisen bei den Wandermönchen und meint: »Reise ohne Gepäck, reise alleine, reise zu Fuß Das ist sicher für manchen Einzelnen zutreffend. Aber kann man wollen, das dies zur Maßgabe für alle und jeden wird? Als kategorischer Imperativ ist diese Regel nicht alltagstauglich. Grundsätzlicher ist Trojanows Empfehlung, die Fremde in Heimat zu verwandeln und er zitiert:

»Wer sein Heimatland liebt, ist noch ein zarter Anfänger;
derjenige, dem jeder Fleck Erde soviel gilt wie der, 
auf dem er selbst geboren wurde, hat es schon weit gebracht; 
reif ist aber erst der, 
dem die ganze Welt zu einem fremden Ort geworden ist.«
Hugo von St. Viktor, christlicher Theologe (um 1097-1141)

Ebenso grundsätzliche Empfehlungen mit einer fremden Sicht auf die Welt bieten unübersetzbare Worte aus anderen Sprachen und Kulturen. Befragt man diese auf eine Sicht der Welt als Gegenpol zur Idee der Selbstverwirklichung, so bieten sich beispielsweise an:

Ein Reisen, das wesentlich der Selbstverwirklichung und -darstellung dient, bedarf einer ausgleichenden Kraft. Dies kann ein ästhetisches Prinzip sein, das dazu beiträgt, das Erleben der Reise zu vertiefen. Voraussetzung ist jedoch die individuelle Bereitschaft sich der Welt zu öffnen. Dann ergibt sich die Gelegenheit, eine Welt zu erkennen, wie sie auch sein kann.

Vielleicht muss erst eine ganze Generation in der Echokammer aufgewachsen sein, bevor sie wieder über die Welt staunen kann. Die FAZ berichtete im April 2019 über eine social-media-Gruppe, die sich anlässlich der Europawahl auf die Kölner Domplatte ins real-life traute und staunend feststellte, dass man ein Gefühl für die Menschen bekäme und überhaupt ganz andere Menschen träfe 11).


Weltbilder, in: APuZ Aus Politik und Zeitgeschichte 2015 Bd. 65, Nr. 41–42, darin:


siehe auch

1)
Das Voltaire zugeschriebene Bonmot »Wer von weit her kommt, hat leicht lügen.« ist älter und lässt sich als Sprichwort bereits im Althochdeutschen finden: »Sô fremdin mære ie verrer fliegen, sô diu liute ie mêre geliegen.«
Ida Freifrau von Reinsberg-Düringsfeld
Sprichwörter der germanischen und romanischen Sprachen vergleichend zusammengestellt. H. Fries Leipzig 1872
2)
Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien
London 1768
3)
Reisetagebuch eines Philosophen. 1919
4)
Jesse Fox, Margaret C. Rooney
The Dark Triad and trait self-objectification as predictors of men's use and self-presentation behaviors on social networking sites
in: Personality and Individual Differences, Volume 76, 2015,Pages 161-165,ISSN 0191-8869, https://doi.org/10.1016/j.paid.2014.12.017
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0191886914007259
5)
Robert Harrison
Ewige Jugend
Carl Hanser Verlag, München 2015. ISBN 9783446249202
6)
Siegmund Freud
Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse
1917
7)
Gerhard Vollmer
Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen
In: Arbeitsgruppe Mensch – Technik – Umwelt. Hrsgg. von H.-H. Franzke, Technische Universität Berlin, Schriftenreihe Technik und Gesellschaft, Heft 3 (1999) 67–85
8)
Über Naturauffassung, in: Kurt Tucholsky, Unter anderem in den Pyrenäen, 1927
9)
Karl Friedrich Wilhelm Wander
Deutsches Sprichwörterlexikon
Brockhaus, Leipzig 1867–1880
10)
Seneca
Peregrinatio non facit medicum, non oratorem; nulla ars locodiscitur: quid ergo …
11)
FAZ 13.04.2019 Julia Anton: Mit neuen Ideen zu mehr Wahlbeteiligung