Inhaltsverzeichnis

Itinerar

Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten

Die antiken römischen Wurzeln des Itinerars

»Itinerar(ium)« wurzelt im lateinischen ire 'gehen', daraus abgeleitet iter 'Weg' und in itinere für verschiedene Zustände der Fortbewegung, schließlich Iter terrestre, iter pedestre ab augustinischer Zeit für eine Route über Land.

Die ältesten schriftlichen Belege für Itinerarium finden sich erst spätrömisch im Ausgang des 4. Jahrhunderts n. Chr.

Beide verwenden den Begriff im Zusammenhang mit der Vorbereitung eines Feldzuges (expedio). Das Itinerarium erscheint hier als Informationssystem mit der Funktion, den Feldzug unterwegs zum Ziel abzusichern. Diese Phase ist daher vor dem Aufbruch abgeschlossen. Dies deckt sich mit der Beschreibung in Historia Augusta, 18. Severus Alexander, LCL 140: 268-269 3)

Danach findet sich der Begriff erst wieder im Itinerarium Antonini Augusti, in Abschriften aus dem 7. bis 10. Jahrhundert. Dieses enthält tausende von Ortsnamen und bildet eine Sammlung von Itineraren aus dem gesamten Raum des Römischen Reiches, deren Zweck unterschiedlich gedeutet wird.

Etwas später liegt das Itinerarium Burdigalense oder Hierosolymitanum von 333 n. Chr. vor. Die Abschriften aus dem 8. bis 10. Jahrhundert enthalten mehrere Routen für die Pilgerfahrt nach Jerusalem, dargestellt durch Ortslisten.

Ebenfalls eine Pilgerfahrt des 4. Jahrhunderts ist die Peregrinatio Aetheriae, erschlossen durch eine Abschrift aus dem 11. Jahrhundert, der der Anfang fehlt (also auch ein Titel); inhaltlich eine Beschreibung der Pilgerfahrt in Briefen, die erst später auch als Itinerarium Egeriae bezeichnet wird, obwohl keine Ortsliste vorliegt.

Ein Itinerar dient als Werkzeug, hat also einen Zweck und muss nützlich sein. Daher ist eine Ortsnamenliste zwar notwendig, aber nicht hinreichend für ein Itinerar. Hinzu kommt erstens, dass diese Liste räumlich geordnet sein muss, also eine entsprechende Raumvorstellung widerspiegelt. Zweitens muss diese Ordnung sich in der Wirklichkeit durch einen gangbaren Weg bewähren, setzt also Erfahrung voraus. Die Routenführung enthält daher implizit (1.) Informationen über die Gangbarkeit von Wegen und (2.) die Nützlichkeit von Orten sowie (3.) einen Zeitplan, weil praktisch nur Tagesetappen zugrundeliegen können, auch wenn nicht jede Etappe einen Namen hat. Eine Vorgehensweise, römische Itinerarien praktisch zu deuten, zeigt:

Das Itinerar als Kategorie

Formen des Itinerars

Mit der Vervielfältigung durch den Druck ab dem 16. Jahrhundert wird der Inhalt systematisch erweitert:

Itinerare als Informationssystem

Der Raum des Itinerars

Szabó (2003) wies darauf hin, dass die Anfangs- und/oder Endpunkte mancher (Pilger-)Itinerare nicht am Wohnsitz des Autors beginnen oder enden, sondern an einem zentraleren Ort (Einsiedeln: 1495 Künig, Lübeck: Hausbok, Avignon: 1350 Bonis …), der vielleicht als Sammelplatz für Pilger diente, zu dem hin ein Itinerar überflüssig war. Ein Itinerar reduziert den riesigen Zwischenraum zwischen A und B auf eine Reihe von Fixpunkten und erlaubt es, sich darauf zu fokussieren, indem alles andere links und rechts liegengelassen wird.
Zeitleiste der Reiseanleitungen

Der Informationsgehalt des Itinerars

Das Itinerar unterstützt Reisende bei der Routenplanung sowie unterwegs bei der Wegfindung und Orientierung. Es wird zum Subsystem eines soziotechnischen Handlungssystems. Tagesetappen zeigen an, was unter normalen Umständen möglich ist (–> Reisegeschwindigkeit). Gemessene Strecken (Schritte, Meilen, Kilometer) sind zwar objektiv genauer, doch abseits guter Wege nicht aussagekräftig, weil abhängig vom Zustand des Weges, von Hindernissen (Flüssen und Bergen), vom Orientierungsaufwand, von Wetter und Jahreszeit.

Mit der Vervielfältigung durch den Druck ab dem 16. Jahrhundert gehen einher:

Funktion Form Informationsgehalt Titel
Wegweiser Liste Ortsfolge als Route Weg-Weiser
Entfernung Liste Länge oder Reisetage
linear zwischen zwei Orten
eindimensional
Meilenzeiger
Tabelle systematische Distanzen
zwischen allen Orten
zweidimensional
Tabula Poliometrica
Ortsnamen Liste Toponyme alphabetisch geordnet Städte-Weiser
Ortskategorien Signaturen Städte, Burgen, Märkte,
Dörfer, Flecken, Klöster
Raumvorstellung Schema Routen als Strahlen von einem
Zentrum aus in Himmelsrichtungen
vor 1521 Straßburg
1560 Nürnberg
1639 Augsburg
»in einem Cirkel
gesetzte Scalae«
Liste Posten (posta stationes) Kursbuch
Karte Blick von oben, Maßstab, genordet,
Straßen mit Entfernungsangaben
Hilfsmittel Tabelle Quadratzahlen Tabula Pythagorae
Anschauung Bild Allegorien, Ansichten
Sprache Kartusche Übersetzung
Herrschaft Kartusche Wappen, Widmung
Impressum Kartusche Zeichner, Stecher, Verleger, Ort, Jahr

Titelvarianten:
Astygnomon, Burattino (ital.), Columnam Milliariam, »Künstliche anzaygung«, Landtafel, Meilenzeiger, Namen-Weiser, Raißbüchlin, Städte-Weiser, Stadiasmus, Tabula Pythagorae, Tabula Poliometrica, Viatorium, Warhaffte Beschreibung (Accvrrata Descriptio), Wegzeiger u.a.m.
Diese Begriffsvielfalt spiegelt sich nicht in anderen Sprachen.

Die Funktion des Itinerars als informationsverarbeitendes System

Informationsspeicher: Sammlungen
von Itineraren, Berichten, Karten …
Input Verarbeitung Output
Strecke A nach B Route A→B {a1, a2, a3, … an}

Diese Funktion hat für Reisende (Mikrosystem) einen Entstehungszusammenhang vor dem Aufbruch und einen Verwendungszusammenhang nach dem Aufbruch bis zum Ziel. Sie ist aber auch Teil eines Organisationssystems, das zusammen mit einem Wegenetz ein Netzwerk bildet.
Von Meso- und Makrosystemen substituiert wird sie zum Fahrplan und Beförderungssystem.

Verweise

Literaturliste Itinerare
Literaturliste zur Kunst des Reisens
Zeitleiste der Itinerare und Periploi mit Quellen und Synopse mehrerer Zeitleisten im Vergleich
Reisegeschwindigkeit und Reisekosten
Least-cost path, Routenbücher, Stadiasmos, Strassenverzeichnisse, Strecken, Wegweiser

Die Entferungsangaben im römischen Reich bezogen sich auf das Milliarium Aureum, die unter Kaiser Augustus errichtete Säule im Herzen des antiken Roms beim Tempel des Saturn. Die Welt der römischen Straßen findet sich online bei

In der Antike war es die Aufgabe von Bematisten (griechisch) und Agrimensoren (römisch) das Heer zu begleiten, dabei den Weg und die Landschaft zu vermessen und Itinerare zu erstellen. Alexander der Große gründete die Bibliothek in Alexandria auch mit dem Ziel, das geographische Wissen seiner Zeit zu sammeln, indem die Itinerare seiner Bematisten und die Periploi der anlegenden Schiffe gesammelt wurden.
→ Ausstellung mit Begleitband: 2020 Auf Achse mit den Römern: Reisen in römischer Zeit

Die Formentabelle der Fälle von iter und itinerārium im Lateinischen

Kasus Singular Plural Frage?
Nominativ iter itinera wer? was?
Genitiv itineris itinerum wessen?
Dativ itineri itineribus wem? für wen?
Akkusativ iter itinera wen?
Ablativ itinere itineribus wann? wo? wodurch? womit?
Kasus Singular Plural Frage?
Nominativ itinerārium itinerāria wer? was?
Genitiv itinerāriī itinerāriōrum wessen?
Dativ itinerāriō itinerāriīs wem? für wen?
Akkusativ itinerārium itinerāria wen?
Ablativ itinerāriō itinerāriīs wann? wo? wodurch? womit?
1)
»qui rem militarem studiosius didicerunt adserunt plura in itineribus quam in ipsa acie pericula solere contingere … primum „itineraria omnium regionum' in quibus bellum geritur plenissime debet habere perscripta, ita ut locorum intervalla non solum passuum numero sed etiam viarum qualitate perdiscat, compendia deverticula montes flumina ad fidem descripta consideret usque eo ut sollertiores duces 'itineraria provinciarum' in quibus necessitas gerebatur non tantum adnotata sed etiam picta habuisse firmentur ut non solum consilio mentis verum aspectu oculorum viam profecturus eligeret«
2)
Post exploratam alacritatem exercitus, uno parique ardore impetrabilem principem superari non posse, deum usitato clamore testati, Iulianus summae rei finem imponendum maturius credens, restricta quiete nocturna, itinerarium sonare lituos iubet et praestructis omnibus quae difficultates arduae belli poscebant, candente iam luce, Assyrios fines ingressus, celso praeter alios spiritu obequitans ordinibus, aemulatione sui cunctos ad officia fortitudinis incendebat.
3)
»XLV. Expeditiones bellicas habuit, de quibus ordine suo edisseram. primum tamen eius consuetudinem dicam 2de rebus vel tacendis vel prodendis. tacebantur secreta bellorum, itinerum autem dies publice proponebantur, ita ut edictum penderet ante menses duos, in quo scriptum esset, “Illa die, illa hora ab urbe sum exiturus et, si di voluerint, in prima mansione mansurus,” deinde per ordinem mansiones, deinde stativae, deinde ubi annona esset accipienda, et id quidem eo 3usque quamdiu ad fines barbaricos veniretur.«
4)
Itinerarium mentis in deum. [Köln] : [Arnold ter Hoernen], [um 1472] (=Speculum sive itinerarium) Online
5)
März 2021
6)
Geschrieben von Nikúlas Bergsson, 1155 Abt des Klosters MunkaÞerá, der 1149 bis 1154 nach Rom und Jerusalem pilgerte. Zitiert nach Wassenhoven, Dominik
Skandinavier unterwegs in Europa (1000-1255)
Untersuchungen zu Mobilität und Kulturtransfer auf prosopographischer Grundlage. Berlin 2006: Akademie Verlag, S. 56 ff. und 74-85.